Vorschaubild: PantherMedia / Andrea Lück

Grillt die Sonne dieses Jahr die Weihnachtsgans?

von | 24. Dezember 2020

Aus dem Archiv (aber passt ja jedes Jahr um diese Zeit aufs neue und die meteo­ro­lo­gi­schen Daten wurden angepasst).

Die Gänse­bra­ten­spitze geistert alle Jahre wieder kurz vor dem Weih­nachtsfest durch die Gazetten – so auch dieses Jahr. Gemeint ist damit der am ersten Weih­nachts­fei­ertag von 9 bis 12 Uhr zu beob­ach­tende Effekt, nachdem der Strom­ver­brauch privater Haushalte auf 480 GWh hoch­schnellt – ein Drittel mehr als sonst üblich. Zuge­schrieben wird das den Haus­halten, die über einen Elektro-​Backofen verfügen und in diesem ihren Weih­nachts­braten, meist eine Gans zubereiten.

Also 160 GWh, die von den Strom­pro­du­zenten in diesen drei Stunden bereit­ge­stellt und von den Netz­be­treibern verteilt werden müssen. Mein Energieblogger-​Kollege Thorsten Zoerner beleuchtet hier schön die wirt­schaft­lichen Hinter­gründe des Ganzen und warum dies alles kein Problem ist.

Dennoch springen jedes Jahr Versorger auf diesen Gänse­bra­tenzug auf und verteilen Pres­se­mit­tei­lungen, so in diesem Jahr auch die Bayern­werke. Die warten noch mit einem beson­deren Detail auf: 

Seit dem Jahr 2010 kommt im Netz­gebiet des Bayern­werks am 25. Dezember zunehmend die Photo­voltaik ins Spiel, um die Gänse in den Backöfen goldbraun werden zu lassen. Heute speisen knapp 260.000 Photovoltaik-​Anlagen in das Netz des Bayern­werks ein. Bei optimalen Wetter­be­din­gungen ist die gesamte Erzeu­gungs­leistung dieser Anlagen immens: Im Jahr 2015 gab es mehrere Tage, an denen die Strom­ein­speisung aus diesen Anlagen über 4.000 Megawatt lag. Das entspricht der Leistung von vier Groß­kraft­werken. Im Jahr 2012 beispiels­weise wurde die Gänse­bra­ten­spitze im Bayernwerk-​Netz nahezu gänzlich durch Photo­voltaik abgedeckt. Ein Zuschalten konven­tio­neller Kraft­werks­re­serven war nahezu nicht erforderlich.

Schön für das solar­an­la­gen­reiche Bayern. Doch wie sieht es im Rest der Republik für morgen aus? 

Erwartet wird regen- und schnee­haftes Wetter, und das von Nordsee bis Alpenrand. Also kann einer Einspeisung ab 9 Uhr, wenn die Gänse­bra­ten­spitze losgeht, einiges entge­gen­stehen. Abgedeckt werden müssen 160 GWh, verteilt auf 3 Stunden, also rund 53 GWh je Stunde. In Deutschland sind gut 53 GW PV-​Leistung instal­liert. Bei wolken­freien Himmel ist diese gut abrufbar, auch wenn die Leistung im Winter nachlässt, da die Sonne ungüns­tiger steht. Bei wolken­ver­han­genem Himmel hingegen kaum. Zudem wird der Schnee die PV-​Strom-​Produktion behindern.

Zudem hat die immer noch relativ warme Witterung aber auch einen Nachteil: Denn der Ertrag steigt nur bei sinkenden Tempe­ra­turen, also um etwa 4 % bei 10 Kelvin weniger. Da die Solar­an­lagen ihren Peak um 12 Uhr erreicht, wenn die Sonne am höchsten steht (obwohl sie ja über­morgen nicht wirklich hochsteht), geben wir den PV-​Modulen mal eine über­schlägige Leis­tungs­fä­higkeit von 30 %. Hoch­ge­rechnet auf die 53 GW würden das 17 GWh je Stunde bedeuten. Der Gänse­braten könnte also nicht mal angegart werden, wenn der Bedarf bei 53 GWh liegt. 

Doch auch hier naht Rettung von den Erneu­er­baren: Denn morgen herrschen gut 6 Knoten Wind. Das reicht aus, um selbst eine 2,5‑MW-Windkraftanlage zu bewegen. Alle deutschen Wind­an­lagen haben ebenfalls rund 53 GW instal­lierte Leistung aufzu­bieten – unab­hängig von tiefer Sonne, Wolken und anderen Stören­frieden. Unsere Gans könnte also durchaus mit Erneu­er­baren gebraten werden. Die Sonne allein schafft dies jedoch nicht.

Vorschaubild: Panther­Media /​Andrea Lück 

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

2 Kommentare

  1. Henry

    Haben wir jetzt schon 2,5‑GW-Windkraftanlagen?
    Die müssten hoch­ge­rechnet einen Rotor­durch­messer von 3200 Metern haben. Ne, da glaube ich jetzt doch nicht dran.

    • Frank Urbansky

      Danke, kleiner Fehler und schon korri­giert, wäre sonst wirklich etwas groß

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