Erneuerbare Energien sind die Zukunft der Wärmenetze

Blockheizkraftwerk für ein Wärmenetz. Foto: E.ON
Blockheizkraftwerk für ein Wärmenetz. Foto: E.ON

EnWiPo führte mit Michael Nast vom Stuttgarter Institut für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ein Interview zu den Vor- und Nachteilen sowie der Zukunftsfähigkeit von Wärmenetzen.


Welche grund­sätz­li­chen Vor- und Nachteile sehen Sie in Nah- und Fernwärmenetzen?

Vorteile gibt es fol­gende:

  • kos­ten­güns­tige Großanlagen werden bei solarer Wärme und Geothermie mög­lich
  • kos­ten­güns­tige sai­so­nale Speicher werden mög­lich
  • Wärme aus Biogas-BHKW kann genutzt werden, für die es sonst im Bauernhof neben der Biogasanlage keine Verwendung gäbe
  • Biomasse-KWK mit fester Biomasse wird mög­lich. In klei­neren Anlagen lässt sich feste Biomasse wegen tech­ni­scher Probleme nur zur Wärmeerzeugung nutzen.
  • Kostengünstiger Brennstoff und sau­bere Abgase bei Holz- und Strohverbrennung werden mög­lich. Erst bei grö­ßeren Feuerungsanlagen werden Abgasreinigungsanlagen wirt­schaft­lich ver­tretbar. Dann können auch bil­li­gere Brennstoffe wie ver­eiste Rinde oder Stroh, die ohne Abgasreinigung zu hohe Emissionen ver­ur­sa­chen würden, genutzt werden.
  • höherer elek­tri­scher Wirkungsgrad bei grö­ßeren, auch fossil befeu­erten KWK-Anlagen. Der Wert von elek­tri­scher Energie ist viel höher als der von Wärme – z.B. weil 1 kWh Strom mit Hilfe eines bil­ligen Tauchsieders direkt in 1 kWh Wärme umge­wan­delt werden kann, umge­kehrt aber Wärme nur mit teuren Analgen und hohen Verlusten in Strom ver­wan­delt werden kann.
  • Industrielle Abwärme, die bisher weg­ge­kühlt wurde, kann genutzt werden.
  • Wärme aus Müllverbrennungsanlagen wird nutzbar
  • Große Wärmepumpen können güns­tige (Ab-)Wärmequellen nutzen
  • Elektroheizer mit Wärmespeichern können jeder­zeit Überschussstrom aus EE nutzen. Die Wärmespeicher der Fernwärmeunternehmen können sehr viel Wärme (und damit auch sehr viel Strom) auf­nehmen, die dann zu einem spä­teren Zeitpunkt genutzt werden kann. Da die großen Fernwärmespeicher nur sehr langsam aus­kühlen, kann diese Nutzung auch noch Wochen später erfolgen.
  • Flexibilität bei der Wahl von Technik und Brennstoff. Es ist viel teurer in 1000 Gebäuden die Wärmeerzeuger zu ersetzen als der Austausch eines Wärmeerzeugers in einer Heizzentrale, aus wel­cher 1000 Gebäude ver­sorgt werden.

Nachteile siehe ich hier:

  • Wärmeverluste!  Nur dort anwenden, wo die Vorteile die Nachteile der Wärmeverluste über­wiegen. Die Wärmeverluste lassen sich durch ver­schieden Maßnahmen ver­rin­gern. Dazu gehören:
    • Die Nutzung von Wärmeleitungen mit ver­stärkter Wärmedämmung. Die Absenkung der Netztemperaturen. Schon ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ternen Wärmeverteilungssystems der an das Wärmenetz ange­schlos­senen Gebäude führt zu einer Abnahme der Rücklauftemperaturen des Wärmenetzes.
    • Organisatorisches Problem: Kollektive Entscheidungen sind erfor­der­lich, da eine Nahwärmeversorgung nur dann wirt­schaft­lich betrieben werden kann, wenn gleich zu Beginn des Betriebs die Anschlussdichte genü­gend hoch ist. Dies ist gra­vie­rend, da bei den kon­kur­rie­renden Beheizungsarten wie Ölkessel, Pelletkessel oder Wärmepumpen nur eine indi­vi­du­elle Entscheidung, die unab­hängig von den Entscheidungen der Nachbarn erfolgen kann, erfor­der­lich ist.
    • Problematik in den Gebieten Deutschlands, in denen ein Bevölkerungsschwund zu ver­zeichnen ist, wel­cher mit einem zuneh­menden Leerstand von Wohnungen und Gebäuden ein­her­geht. Diese Problematik ist nicht fern­wär­me­spe­zi­fisch, da sie alle Arten von Infrastrukturmaßnahmen betrifft.

Wo sehen Sie den zukünf­tigen Platz von Wärmenetzen bei immer effi­zi­en­teren Gebäuden?

In Altbaugebieten erfolgen die Fortschritte bei der Wärmedämmung nur langsam – deut­lich lang­samer als dies gemäß dem Energiekonzept der Bundesregierung erfor­der­lich wäre. Bis zum Jahr 2020 wird von der Bundesregierung eine Minderung des Wärmebedarfs in Wohngebäuden um 20% (gegen­über 2008) ange­strebt. Erreicht werden bis dahin wohl nur ca. 8%. Dazu passt die Beobachtung in den Nahwärmenetzen, die in den letzten Jahren errichtet wurden, dass die Minderung des Wärmebedarfs in den bereits ange­schlos­senen Gebäuden durch den Neuanschluss von wei­teren Gebäuden häufig über­kom­pen­siert werden konnte. Natürlich nimmt die Wirtschaftlichkeit aller Verteilnetze (Strom, Gas, Wärme) ab, wenn weniger Energie ver­teilt wird. Aber der Effekt der ver­bes­serten Wärmedämmung auf die Wirtschaftlichkeit von Fern- oder Nahwärmenetzen wird nach meiner Ansicht deut­lich über­schätzt. Dies belegen auch die Aktivitäten in unserem Nachbarland Dänemark, wo inzwi­schen auch bereits mit Gas ver­sorgte Gebiet für die Fernwärme erschlossen werden, obwohl die Wärmedämmvorschriften in Dänemark ähn­lich streng wie die deut­schen sind. Gebiete, die heute inter­es­sant für die Versorgung aus Wärmenetzen sind, werden dies daher auch in der Zukunft noch sein.

Welche grund­sätz­li­chen Entscheidungskriterien legen Sie zugrunde, um die Wirtschaftlichkeit eines Wärmenetzes für ein Neubaugebiet ein­zu­schätzen?

Michael Nast. Foto: privat
Michael Nast. Foto: privat

Vorweg eine Anmerkung zu der Bedeutung von Neubauten im Vergleich zu Altbauten bezüg­lich des Klimaschutzes. Im Vergleich zu den Altbauten aus der Zeit vor 1980 (und das ist der bei weitem über­wie­gende Anteil des gesamten heu­tigen Gebäudebestands) ver­fügen die Neubauten über eine her­vor­ra­gende Wärmedämmung. Auch im Jahr 2050 wird der größte Teil des zukünf­tigen Wärmebedarfs noch in sol­chen Gebäuden anfallen, die vor 1980 errichtet wurden. Mit wel­cher Heiztechnik der noch ver­blei­bende geringe Wärmebedarf der Neubauten, die gemäß der EnEV 2016 errichtet werden, gedeckt wird, ist aus Sicht des Klimaschutzes nur noch wenig rele­vant. Nun zur Frage: In der Tat sehe auch ich bei Neubaugebieten die Wirtschaftlichkeit als das ent­schei­dende Kriterium bei der Auswahl eines Heizungssystems an – für den Klimaschutz ist schon durch die Erfüllung der EnEV hin­rei­chend gesorgt. Nahwärme kann dabei trotzdem durchaus die wirt­schaft­lichste Lösung sein, da eine Wärme-Übergabestation deut­lich bil­liger ist als ein Kessel gleich wel­cher Bauart oder eine Wärmepumpe. Abzuwägen ist dieser Vorteil gegen­über den Zusatzkosten, die durch das Wärmenetz und die Heizzentrale ent­stehen. Je dichter die Gebäude anein­an­der­stehen, desto kürzer (und damit bil­liger) wird das erfor­der­liche Wärmenetz. Der güns­tigste Fall ergibt sich, wenn es sich um Reihenhaussiedlungen han­delt und die Wärmeleitungen kos­ten­günstig durch die Keller der Gebäude ver­legt werden können. Auch möchte ich darauf hin­weisen, dass bei Neubaugebieten die Netztemperaturen sehr gering sein können, da die Heizungssysteme der neu errich­teten Gebäude mit sehr geringen Zusatzkosten so aus­ge­legt werden können, dass nur geringe Vorlauftemperaturen benö­tigt werden. Das käme z.B. der Versorgung aus einer in der Heizzentrale instal­lierten, großen Wärmepumpe sehr ent­gegen. Die Details der Wirtschaftlichkeitsberechnung müssen wohl dem Bauträger über­lassen bleiben. Mir ist jeden­falls keine Faustregel bekannt, nach der sich die Wirtschaftlichkeit der Nahwärmeversorgung eines Neubaugebietes ein­schätzen lässt.

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Welche davon abwei­chenden Überlegungen gelten für Bestandsgebiete?

In Altbaugebieten ist die Trassenlänge je Hausanschluss sehr viel größer als in Neubaugebieten (wenn man mal von den extrem engen mit­tel­al­ter­li­chen Bebauungen in den his­to­ri­schen Kernen einiger Kleinstädte absieht). Auch die Netztemperaturen sind dort höher. Dem ent­spre­chend müssen sowohl den Netzkosten als auch den Netzverlusten eine höhere Bedeutung als bei Neugebieten bei­ge­messen werden. Ein guter Richtwert für die Wärmebelegungsdichte (das ist die von den Gebäuden durch­schnitt­lich abge­nom­mene Jahreswärmemenge geteilt durch die Trassenlänge des Wärmenetzes inkl. Hausanschlussleitungen), die min­des­tens erreicht werden sollte, sind 500 kWh/(m*a). Wie Messungen an Bioenergiedörfern in Baden-Württemberg zeigen, sind bei dieser Wärmebelegungsdicht noch Wärmeverluste von unter 20% mög­lich (in Einzelfällen sogar nur 12%). Auch die meisten Wärmenetze in Dänemark weisen Wärmebelegungsdichten von über 500 kWh/(m*a) auf. Wie hoch die akzep­ta­blen Verluste eines Wärmenetzes aus Sicht des Klimaschutzes sein dürfen, hängt von der Wärmequelle ab. Bei einem Biogas-BHKW oder indus­tri­eller Abwärme, die ohne Nahwärmenetz hätte weg­ge­kühlt werden müssen, gibt es dafür keine Obergrenze. Steht dagegen nur ein Gasheizkessel in der Heizzentrale, wäre in fast allen Fällen dem Klima besser gedient, wenn statt des zen­tralen Gaskessels viel klei­nere Zentralheizungskessel aus einem Gasnetz ver­sorgt werden.

Für die Wirtschaftlichkeit sind die Kosten für die Verlegung des Wärmenetzes ent­schei­dend. Pro Meter ver­legt Trasse können diese Kosten je nach den ört­li­chen Gegebenheiten sehr unter­schied­lich sein. Aus den Statistiken für das Marktanreizprogramm (MAP), über wel­ches die Installation von jähr­lich etwa 1.000 km Wärmenetz geför­dert wird, ergeben sich Kosten, die im Mittel deut­lich unter. 200 € je Meter Trasse liegen. Kleinere Netze, bei denen ein grö­ßerer Anteil in unbe­fes­tigtem Gelände ver­legt worden sein dürfte, waren dabei beson­ders günstig. Diese ver­gleichs­weise geringen Kosten sind dadurch erklärbar, dass sich viele der vom MAP geför­derten Netze im länd­li­chen Raum befinden, wo es bei der Leitungsverlegung wenig (Platz-)Probleme mit sons­tigen erd­ver­legten Leitungen (Telekommunikation, Wasser, Abwasser) gibt und häufig auch kos­ten­günstig im unbe­fes­tigten Bereich außer­halb der geteerten Straßen ver­legt werden kann. Im städ­ti­schen Bereich können die Kosten ein Vielfaches betragen. So geht gibt der von der baye­ri­schen Landesregierung her­aus­ge­ge­bene „Leitfaden Energienutzungsplan“ einen Richtwert von 800 €/m an. Dieser dürfte in München und seinen Vororten ein durchaus typi­scher Wert sein. Um die Wirtschaftlichkeit eines Nahwärmeprojektes zu beur­teilen, ist es ange­sichts der großen Kostenspannen daher auch im Altbaubestand unab­dingbar, sich die Verhältnisse vor Ort anzu­sehen.

Natürlich sind auch die Brennstoffkosten für die Wirtschaftlichkeitsrechnung von Bedeutung. Diese können bei Wärmenetzen sehr günstig sein. Die von dem BHKW einer Biogasanlage erzeugte Wärme wird meist kos­ten­frei abge­geben (dafür bezieht der Biogas-Landwirt eine höhere EEG-Vergütung für seinen ins öffent­liche Stromnetz ein­ge­speisten Biogasstrom). Auch die Nutzung von indus­tri­eller Abwärme kann sehr kos­ten­günstig sein.

Welche wohn­flä­chen­be­zo­genen Verteilnetzverluste dürfen Ihre Meinung nach maximal auf­treten, damit sich ein Anschluss für ein Neubaugebiet rechnen kann?

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Neubauten haben nur noch einen sehr geringen Wärmebedarf. Die ent­schei­denden Kosten für die Beheizung eines Neubaus sind daher die Installationskosten für den Wärmeerzeuger. Die Brennstoffkosten spielen dagegen nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Dies gilt auch für die Wärmeverluste der Netze in den fast immer dicht bebauten Neubaugebieten. Diese Verluste sind ohnehin gering, da sowohl die Leitungslängen gering sind (bezogen auf die Anzahl der ange­schlos­senen Gebäude) als auch die Netztemperaturen.

Gelten für den Bestand hier andere Werte?

Wie schon aus­ge­führt, sollte die Wärmebelegungsdichte nicht unter 500 kWh/(m*a) sinken. Dabei ist allein ent­schei­dend, wie­viel Wärme die ange­schlos­senen Gebäude jähr­lich benö­tigen. Solange die ins­ge­samt abge­nom­mene Wärme gleich bleibt, ist es egal, ob kleine Gebäude mit einem hohen spe­zi­fi­schen Wärmebedarf (in kWh/m² jähr­lich) oder große Gebäude mit einem geringen spe­zi­fi­schen Wärmebedarf ange­schlossen sind. Die wohn­flä­chen­be­zo­genen Verteilnetzverluste sind daher kein guter Indikator für die Wirtschaftlichkeit eines Wärmeanschlusses.

Wie lassen sich Netzverluste mini­mieren, etwa im Vergleich in Bezug auf kWh/a je Meter Trassenlänge?

Die wich­tigsten Möglichkeiten zur Minimierung der Netzverluste sind:

  • Verstärkung der Wärmedämmung der Leitungen. Am Markt werden eine ein­fache und eine zwei­fache Verstärkung ange­boten
  • Vor- und Rücklaufleitung gemeinsam inner­halb eines (dickeren) Rohres ver­legen (sog. Twin- oder Duo-Rohre)
  • Netztemperaturen absenken
  • Möglichst kleine Rohrdurchmesser wählen.

Die Netzverluste können hal­biert werden, wenn anstelle von einer nor­malen Leitung ein Duo-Rohr mit zwei­fa­cher Verstärkung der Wärmedämmung gewählt wird. Die besser gedämmten Leitungen sind natür­lich etwas teurer. Wird nur nach engen Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten opti­miert, so muss nur geprüft werden, ob die Ersparnis bei den Brennstoffkosten, die aus der ver­bes­serten Wärmedämmung resul­tieren, aus­rei­chen, um die erhöhten Investitionskosten zu amor­ti­sieren. Das beim Bau von Bioenergiedörfern in Baden-Württemberg erfah­rendste Unternehmen (Solarcomplex) ver­wendet aus Gründen des Klimaschutzes nur noch zwei­fach ver­stärkte Duoleitungen, und das obwohl es die Wärme meist sehr kos­ten­günstig aus Biogas-BHKW oder aus indus­tri­eller Abwärme bezieht.

Je geringer die Temperaturdifferenz zwi­schen den Wärmeleitungen und dem umge­benden Erdreich ist, desto geringer sind die Wärmeverluste. Daher führt die Absenkung der Netztemperaturen (= Mittelwert aus Vor- und Rücklauftemperatur) zu einer Minderung der Wärmeverluste. In Altbaugebieten ist dies nur in Kooperation mit den Wärmekunden mög­lich.
Die Vorlauftemperatur des Netzes muss min­des­tens so hoch sein, dass auch noch das Gebäude mit dem schlech­testen haus­in­ternen Wärmeverteilsystem im Winter noch warm wird. Der Fernwärmeversorger kann den betref­fenden Kunden gezielt beraten, wie für dieses Gebäude durch Verbesserungen an den Heizkörpern oder an der Wärmedämmung die erfor­der­liche Vorlauftemperatur abge­senkt werden kann.

Die Rücklauftemperaturen können abge­senkt werden, indem in jedem der ange­schlos­senen Gebäude ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ternen Wärmeverteilsystems durch­ge­führt wird. Auch ein Arbeitspreis, der von der Rücklauftemperatur abhängig ist, ist ein Anreiz für den Gebäudebesitzer, dafür zu sorgen, dass das vom Wärmeversorger gelie­ferte heiße Wasser in seinen Heizkörpern mög­lichst stark abge­kühlt wird. Am ungüns­tigsten ist es, wenn ein Heizkörper voll auf­ge­dreht wird, sodass das oben ein­tre­tende Heizungswasser den Heizkörper sehr rasch durch­fließt und ihn dann prak­tisch ohne Abkühlung unten wieder ver­lässt. Eine gute Abkühlung des gelie­ferten Heizungswassers hat auch zur Folge, dass ein gerin­gerer Rohrquerschnitt für die Fernwärmeleitungen erfor­der­lich ist. Wenn eine gute Abkühlung pro­gnos­ti­ziert werden kann, können die Fernwärmeleitungen von Anfang an kleiner aus­ge­legt werden, was zu gerin­geren Wärmeverlusten führt. In Deutschland sind die Stadtwerke Gießen ein Beispiel, wo Maßnahmen zur Absenkung der Rücklauftemperatur erfolg­reich waren.

Die Unterschiede am Markt bei der Wärmeleitfähigkeit des die Wärmeleitungen umhül­lenden Dämmmaterials sind nicht sehr groß. Unterschiede gibt es aller­dings bezüg­lich des Alterungsverhaltens des Dämmmaterials (lang­sames Herausdiffundieren des Isoliergases, mit wel­chem das Dämmmaterial auf­ge­schäumt wurde).

Welche Art der Energieerzeugung ist Ihrer Meinung nach ideal, um ein Wärmenetz zu bedienen?

  • Geothermie, soweit kos­ten­günstig ver­fügbar (also der­zeit nur im Molassebecken rund um München)
    Zukünftig Solarthermie nach däni­schen Beispiel. Das wäre im Prinzip überall mög­lich. Bei den jün­geren däni­schen Projekten (Vojens) wird solare Wärme für nur 42 €/MWh bereit­ge­stellt. Darin ist bereits ein sai­so­naler Wärmespeicher ent­halten. Wird Förderung berück­sich­tigt, liegen die Kosten sogar noch geringer.
  • Wärmeauskopplung aus Gaskraftwerken oder gas­mo­to­ri­schen BHKW. (Die Wärmeauskopplung aus Kohlekraftwerken wird von mir nicht emp­fohlen. Die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerke sollte aus Gründen des Klimaschutzes mög­lichst rasch redu­ziert werden. Wärmenetze sollten nicht dazu miss­braucht werden, um die Nutzung von kli­ma­schäd­li­cher Kohle zu ver­län­gern)
  • Nutzung von Biomasse-KWK. Dabei ist aller­dings das knappe Angebot an national ver­füg­barer Biomasse und etwaige Nutzungskonkurrenzen (z.B. bei Biotreibstoffen oder der stoff­li­chen Nutzung) zu berück­sich­tigen
  • Nutzung von fester Biomasse in Heizkesseln, aber nur in Verbindung mit Solarthermie. Letztere kann dann zu einem spä­teren Zeitpunkt, wenn sich die Grenzen des lokal ver­füg­baren Biomassepotenzials bemerkbar machen, weiter aus­ge­baut werden.
  • Nutzung von Großwärmepumpen soweit eine güns­tige Wärmequelle zur Verfügung steht und das Wärmenetz keine hohen Vorlauftemperaturen benö­tigt. Diese Option wird zuneh­mend inter­es­santer, je mehr erneu­er­barer Strom, ins­be­son­dere Windstrom, ins öffent­liche Netz ein­ge­speist wird.
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Können Sie eine kurze Einschätzung zu Dänemark geben und ob eine Entwicklung wie dort hier über­haupt mög­lich wäre?

Technisch gesehen ist das, was in Dänemark mög­lich ist, natür­lich auch in Deutschland mög­lich. Dänemark ist sogar weniger dicht besie­delt als Deutschland, was sich in gerin­geren Siedlungsdichten und, daraus fol­gend, gerin­geren Wärmebelegungsdichten bemerkbar macht. Trotzdem sind 62% der däni­schen Wohnungen an die Fernwärme ange­schlossen. Tendenz zuneh­mend. Es werden jetzt auch bisher mit Gas ver­sorgte Gebiete auf Fernwärme umge­stellt (da es in DK eigent­lich einen Gebietsschutz gibt, bekommt der Gasversorger, dem der Kunde weg­ge­nommen wird, dafür vom Fernwärmeversorger eine finan­zi­elle Kompensation). Diese Aktivitäten sind kom­pa­tibel mit dem däni­schen Ziel, schon bis zum Jahr 2035 die gesamte Wärme- und Stromversorgung auf erneu­er­bare Energien umzu­stellen.

Der wich­tigste Unterschied zu Deutschland ist, dass in Dänemark Dänen wohnen. Diese arbeiten tra­di­tio­nell besser zusammen. Es werden der Konsens und die Gemeinschaft gesucht. In der Politik macht sich diese dadurch bemerkbar, dass sich die däni­schen Parteien häufig auf einen Regierungschef einigen, der noch nicht einmal von der Partei ist, die die meisten Stimmen auf sich ver­ei­nigen konnte. Bei der Energiepolitik ist dies daran erkennbar, dass es einen par­tei­über­grei­fenden Konsens über die Zukunft der Energieversorgung gibt. Eine neue Zusammensetzung des Parlaments hat daher keinen Einfluss auf die Energiepolitik. Auf Konsens und Langfristigkeit ange­wie­sene Versorgungsoptionen wie die Fernwärme pro­fi­tieren davon. Technisch machte sich die däni­sche Bereitschaft zur Zusammenarbeit z.B. dadurch bemerkbar, dass schon in den 50er Jahren im länd­li­chen Raum eine grö­ßere Anzahl von Fernwärmeunternehmen gegründet wurde. In spä­teren Jahren wurden die Dänen Vorreiter bei großen Biogasgemeinschaftsanlagen.

Auch in Dänemark hat es viele Jahrzehnte gedauert, bis die Fernwärme die heu­tige Bedeutung erlangt hat. Viel schneller kann es auch in Deutschland nicht gehen. Deutschland hat heute mit zusätz­li­chen Problemen beim Ausbau von Fern- und Nahwärme zu kämpfen, da in der Vergangenheit güns­tige Gelegenheiten ver­säumt wurden. Der Ausbau der däni­schen Fernwärme wurde zu guten Teilen durch die wirt­schaft­li­chen Vorteile der KWK finan­ziert. Die ein­ge­setzten Brennstoffe Gas und Kohle waren billig und der ver­kaufte Strom teuer. Bei den heu­tigen geringen Stromkosten kann die KWK finan­ziell kaum mehr zum Ausbau der Fernwärme bei­tragen. Auch herrscht in Deutschland im Heizungsmarkt ein Verdrängungswettbewerb, den es in Dänemark so nie gab. In den50er Jahren war ohnehin eine Umstellung von den damalig domi­nie­renden Feststofffeuerungen auf kom­for­ta­blere Heizungssysteme erfor­der­lich. Und seit 1979 gibt es in Dänemark ein Wärmegesetz, wel­ches den Kommunen die Erstellung von lang­fristig ori­en­tierten Wärmeplänen vor­schrieb – sehr zum Nutzen der Fernwärme.

Und nun meine kurze Einschätzung: Ja, lang­fristig halte ich auch in Deutschland eine Entwicklung wie in Dänemark für mög­lich. Der erste Schritt hierzu wäre, dass auch hier­zu­lande – so wie in Dänemark seit langem – es die Kommunen als ihre Aufgabe sehen, die Wärmeversorgung ihrer Bürger lang­fristig zu sichern und zwar auf der Basis von erneu­er­baren Energien. Und damit Schwung in die Sache kommt, wären diese Wärmepläne so zu struk­tu­rieren, dass sie

  1. Mit den Wärmeplänen der Nachbarkommune leicht ver­gleichbar sind (Wettbewerb)
  2. Sich die Beiträge der ein­zelnen Kommune zum Klimaschutz leicht auf­ad­dieren lassen, sodass sich eine Summe ergibt, aus der sich der Gesamtbeitrag Deutschlands zum Klimaschutz ergibt (z.B. müsste durch die Strukturierung die Gefahr von Doppelzählungen ver­mieden werden)
  3. Die Möglichkeiten, die zur Nutzung erneu­er­barer Energien auf dem Gebiet der Gemeinde vor­handen sind, so auf­zeigen, dass sich erkennen lässt, wel­cher Beitrag zum Klimaschutz von jeder Gemeinde rea­lis­tisch erwartet werden kann (Gerechtigkeit und die Möglichkeit, natio­nale Ziele auf die Gemeindeebene her­un­ter­zu­bre­chen).