Erneuerbare Energien sind die Zukunft der Wärmenetze

Blockheizkraftwerk für ein Wärmenetz. Foto: E.ON
Blockheizkraftwerk für ein Wärmenetz. Foto: E.ON

EnWiPo führte mit Michael Nast vom Stuttgarter Institut für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ein Interview zu den Vor- und Nachteilen sowie der Zukunftsfähigkeit von Wärmenetzen.


Welche grund­sätz­li­chen Vor- und Nachteile sehen Sie in Nah- und Fernwärmenetzen?

Vorteile gibt es fol­gende:

  • kos­ten­güns­tige Großanlagen wer­den bei sola­rer Wärme und Geothermie mög­lich
  • kos­ten­güns­tige sai­so­nale Speicher wer­den mög­lich
  • Wärme aus Biogas-BHKW kann genutzt wer­den, für die es sonst im Bauernhof neben der Biogasanlage keine Verwendung gäbe
  • Biomasse-KWK mit fes­ter Biomasse wird mög­lich. In klei­ne­ren Anlagen lässt sich feste Biomasse wegen tech­ni­scher Probleme nur zur Wärmeerzeugung nut­zen.
  • Kostengünstiger Brennstoff und sau­bere Abgase bei Holz- und Strohverbrennung wer­den mög­lich. Erst bei grö­ße­ren Feuerungsanlagen wer­den Abgasreinigungsanlagen wirt­schaft­lich ver­tret­bar. Dann kön­nen auch bil­li­gere Brennstoffe wie ver­eiste Rinde oder Stroh, die ohne Abgasreinigung zu hohe Emissionen ver­ur­sa­chen wür­den, genutzt wer­den.
  • höhe­rer elek­tri­scher Wirkungsgrad bei grö­ße­ren, auch fos­sil befeu­er­ten KWK-Anlagen. Der Wert von elek­tri­scher Energie ist viel höher als der von Wärme – z.B. weil 1 kWh Strom mit Hilfe eines bil­li­gen Tauchsieders direkt in 1 kWh Wärme umge­wan­delt wer­den kann, umge­kehrt aber Wärme nur mit teu­ren Analgen und hohen Verlusten in Strom ver­wan­delt wer­den kann.
  • Industrielle Abwärme, die bis­her weg­ge­kühlt wurde, kann genutzt wer­den.
  • Wärme aus Müllverbrennungsanlagen wird nutz­bar
  • Große Wärmepumpen kön­nen güns­tige (Ab-)Wärmequellen nut­zen
  • Elektroheizer mit Wärmespeichern kön­nen jeder­zeit Überschussstrom aus EE nut­zen. Die Wärmespeicher der Fernwärmeunternehmen kön­nen sehr viel Wärme (und damit auch sehr viel Strom) auf­neh­men, die dann zu einem spä­te­ren Zeitpunkt genutzt wer­den kann. Da die gro­ßen Fernwärmespeicher nur sehr lang­sam aus­küh­len, kann diese Nutzung auch noch Wochen spä­ter erfol­gen.
  • Flexibilität bei der Wahl von Technik und Brennstoff. Es ist viel teu­rer in 1000 Gebäuden die Wärmeerzeuger zu erset­zen als der Austausch eines Wärmeerzeugers in einer Heizzentrale, aus wel­cher 1000 Gebäude ver­sorgt wer­den.

Nachteile siehe ich hier:

  • Wärmeverluste!  Nur dort anwen­den, wo die Vorteile die Nachteile der Wärmeverluste über­wie­gen. Die Wärmeverluste las­sen sich durch ver­schie­den Maßnahmen ver­rin­gern. Dazu gehö­ren:
    • Die Nutzung von Wärmeleitungen mit ver­stärk­ter Wärmedämmung. Die Absenkung der Netztemperaturen. Schon ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ter­nen Wärmeverteilungssystems der an das Wärmenetz ange­schlos­se­nen Gebäude führt zu einer Abnahme der Rücklauftemperaturen des Wärmenetzes.
    • Organisatorisches Problem: Kollektive Entscheidungen sind erfor­der­lich, da eine Nahwärmeversorgung nur dann wirt­schaft­lich betrie­ben wer­den kann, wenn gleich zu Beginn des Betriebs die Anschlussdichte genü­gend hoch ist. Dies ist gra­vie­rend, da bei den kon­kur­rie­ren­den Beheizungsarten wie Ölkessel, Pelletkessel oder Wärmepumpen nur eine indi­vi­du­elle Entscheidung, die unab­hän­gig von den Entscheidungen der Nachbarn erfol­gen kann, erfor­der­lich ist.
    • Problematik in den Gebieten Deutschlands, in denen ein Bevölkerungsschwund zu ver­zeich­nen ist, wel­cher mit einem zuneh­men­den Leerstand von Wohnungen und Gebäuden ein­her­geht. Diese Problematik ist nicht fern­wär­me­spe­zi­fi­sch, da sie alle Arten von Infrastrukturmaßnahmen betrifft.

Wo sehen Sie den zukünf­ti­gen Platz von Wärmenetzen bei immer effi­zi­en­te­ren Gebäuden?

In Altbaugebieten erfol­gen die Fortschritte bei der Wärmedämmung nur lang­sam – deut­lich lang­sa­mer als dies gemäß dem Energiekonzept der Bundesregierung erfor­der­lich wäre. Bis zum Jahr 2020 wird von der Bundesregierung eine Minderung des Wärmebedarfs in Wohngebäuden um 20% (gegen­über 2008) ange­strebt. Erreicht wer­den bis dahin wohl nur ca. 8%. Dazu passt die Beobachtung in den Nahwärmenetzen, die in den letz­ten Jahren errich­tet wur­den, dass die Minderung des Wärmebedarfs in den bereits ange­schlos­se­nen Gebäuden durch den Neuanschluss von wei­te­ren Gebäuden häu­fig über­kom­pen­siert wer­den konnte. Natürlich nimmt die Wirtschaftlichkeit aller Verteilnetze (Strom, Gas, Wärme) ab, wenn weni­ger Energie ver­teilt wird. Aber der Effekt der ver­bes­ser­ten Wärmedämmung auf die Wirtschaftlichkeit von Fern- oder Nahwärmenetzen wird nach mei­ner Ansicht deut­lich über­schätzt. Dies bele­gen auch die Aktivitäten in unse­rem Nachbarland Dänemark, wo inzwi­schen auch bereits mit Gas ver­sorgte Gebiet für die Fernwärme erschlos­sen wer­den, obwohl die Wärmedämmvorschriften in Dänemark ähn­lich streng wie die deut­schen sind. Gebiete, die heute inter­es­sant für die Versorgung aus Wärmenetzen sind, wer­den dies daher auch in der Zukunft noch sein.

Welche grund­sätz­li­chen Entscheidungskriterien legen Sie zugrunde, um die Wirtschaftlichkeit eines Wärmenetzes für ein Neubaugebiet ein­zu­schät­zen?

Michael Nast. Foto: privat
Michael Nast. Foto: pri­vat

Vorweg eine Anmerkung zu der Bedeutung von Neubauten im Vergleich zu Altbauten bezüg­lich des Klimaschutzes. Im Vergleich zu den Altbauten aus der Zeit vor 1980 (und das ist der bei wei­tem über­wie­gende Anteil des gesam­ten heu­ti­gen Gebäudebestands) ver­fü­gen die Neubauten über eine her­vor­ra­gende Wärmedämmung. Auch im Jahr 2050 wird der größte Teil des zukünf­ti­gen Wärmebedarfs noch in sol­chen Gebäuden anfal­len, die vor 1980 errich­tet wur­den. Mit wel­cher Heiztechnik der noch ver­blei­bende geringe Wärmebedarf der Neubauten, die gemäß der EnEV 2016 errich­tet wer­den, gedeckt wird, ist aus Sicht des Klimaschutzes nur noch wenig rele­vant. Nun zur Frage: In der Tat sehe auch ich bei Neubaugebieten die Wirtschaftlichkeit als das ent­schei­dende Kriterium bei der Auswahl eines Heizungssystems an – für den Klimaschutz ist schon durch die Erfüllung der EnEV hin­rei­chend gesorgt. Nahwärme kann dabei trotz­dem durch­aus die wirt­schaft­lichste Lösung sein, da eine Wärme-Übergabestation deut­lich bil­li­ger ist als ein Kessel gleich wel­cher Bauart oder eine Wärmepumpe. Abzuwägen ist die­ser Vorteil gegen­über den Zusatzkosten, die durch das Wärmenetz und die Heizzentrale ent­ste­hen. Je dich­ter die Gebäude anein­an­der­ste­hen, desto kür­zer (und damit bil­li­ger) wird das erfor­der­li­che Wärmenetz. Der güns­tigste Fall ergibt sich, wenn es sich um Reihenhaussiedlungen han­delt und die Wärmeleitungen kos­ten­güns­tig durch die Keller der Gebäude ver­legt wer­den kön­nen. Auch möchte ich dar­auf hin­wei­sen, dass bei Neubaugebieten die Netztemperaturen sehr gering sein kön­nen, da die Heizungssysteme der neu errich­te­ten Gebäude mit sehr gerin­gen Zusatzkosten so aus­ge­legt wer­den kön­nen, dass nur geringe Vorlauftemperaturen benö­tigt wer­den. Das käme z.B. der Versorgung aus einer in der Heizzentrale instal­lier­ten, gro­ßen Wärmepumpe sehr ent­ge­gen. Die Details der Wirtschaftlichkeitsberechnung müs­sen wohl dem Bauträger über­las­sen blei­ben. Mir ist jeden­falls keine Faustregel bekannt, nach der sich die Wirtschaftlichkeit der Nahwärmeversorgung eines Neubaugebietes ein­schät­zen lässt.

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Welche davon abwei­chen­den Überlegungen gel­ten für Bestandsgebiete?

In Altbaugebieten ist die Trassenlänge je Hausanschluss sehr viel grö­ßer als in Neubaugebieten (wenn man mal von den extrem engen mit­tel­al­ter­li­chen Bebauungen in den his­to­ri­schen Kernen eini­ger Kleinstädte absieht). Auch die Netztemperaturen sind dort höher. Dem ent­spre­chend müs­sen sowohl den Netzkosten als auch den Netzverlusten eine höhere Bedeutung als bei Neugebieten bei­ge­mes­sen wer­den. Ein guter Richtwert für die Wärmebelegungsdichte (das ist die von den Gebäuden durch­schnitt­lich abge­nom­mene Jahreswärmemenge geteilt durch die Trassenlänge des Wärmenetzes inkl. Hausanschlussleitungen), die min­des­tens erreicht wer­den sollte, sind 500 kWh/(m*a). Wie Messungen an Bioenergiedörfern in Baden-Württemberg zei­gen, sind bei die­ser Wärmebelegungsdicht noch Wärmeverluste von unter 20% mög­lich (in Einzelfällen sogar nur 12%). Auch die meis­ten Wärmenetze in Dänemark wei­sen Wärmebelegungsdichten von über 500 kWh/(m*a) auf. Wie hoch die akzep­ta­blen Verluste eines Wärmenetzes aus Sicht des Klimaschutzes sein dür­fen, hängt von der Wärmequelle ab. Bei einem Biogas-BHKW oder indus­tri­el­ler Abwärme, die ohne Nahwärmenetz hätte weg­ge­kühlt wer­den müs­sen, gibt es dafür keine Obergrenze. Steht dage­gen nur ein Gasheizkessel in der Heizzentrale, wäre in fast allen Fällen dem Klima bes­ser gedient, wenn statt des zen­tra­len Gaskessels viel klei­nere Zentralheizungskessel aus einem Gasnetz ver­sorgt wer­den.

Für die Wirtschaftlichkeit sind die Kosten für die Verlegung des Wärmenetzes ent­schei­dend. Pro Meter ver­legt Trasse kön­nen diese Kosten je nach den ört­li­chen Gegebenheiten sehr unter­schied­lich sein. Aus den Statistiken für das Marktanreizprogramm (MAP), über wel­ches die Installation von jähr­lich etwa 1.000 km Wärmenetz geför­dert wird, erge­ben sich Kosten, die im Mittel deut­lich unter. 200 € je Meter Trasse lie­gen. Kleinere Netze, bei denen ein grö­ße­rer Anteil in unbe­fes­tig­tem Gelände ver­legt wor­den sein dürfte, waren dabei beson­ders güns­tig. Diese ver­gleichs­weise gerin­gen Kosten sind dadurch erklär­bar, dass sich viele der vom MAP geför­der­ten Netze im länd­li­chen Raum befin­den, wo es bei der Leitungsverlegung wenig (Platz-)Probleme mit sons­ti­gen erd­ver­leg­ten Leitungen (Telekommunikation, Wasser, Abwasser) gibt und häu­fig auch kos­ten­güns­tig im unbe­fes­tig­ten Bereich außer­halb der geteer­ten Straßen ver­legt wer­den kann. Im städ­ti­schen Bereich kön­nen die Kosten ein Vielfaches betra­gen. So geht gibt der von der baye­ri­schen Landesregierung her­aus­ge­ge­bene „Leitfaden Energienutzungsplan“ einen Richtwert von 800 €/m an. Dieser dürfte in München und sei­nen Vororten ein durch­aus typi­scher Wert sein. Um die Wirtschaftlichkeit eines Nahwärmeprojektes zu beur­tei­len, ist es ange­sichts der gro­ßen Kostenspannen daher auch im Altbaubestand unab­ding­bar, sich die Verhältnisse vor Ort anzu­se­hen.

Natürlich sind auch die Brennstoffkosten für die Wirtschaftlichkeitsrechnung von Bedeutung. Diese kön­nen bei Wärmenetzen sehr güns­tig sein. Die von dem BHKW einer Biogasanlage erzeugte Wärme wird meist kos­ten­frei abge­ge­ben (dafür bezieht der Biogas-Landwirt eine höhere EEG-Vergütung für sei­nen ins öffent­li­che Stromnetz ein­ge­speis­ten Biogasstrom). Auch die Nutzung von indus­tri­el­ler Abwärme kann sehr kos­ten­güns­tig sein.

Welche wohn­flä­chen­be­zo­ge­nen Verteilnetzverluste dür­fen Ihre Meinung nach maxi­mal auf­tre­ten, damit sich ein Anschluss für ein Neubaugebiet rech­nen kann?

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Neubauten haben nur noch einen sehr gerin­gen Wärmebedarf. Die ent­schei­den­den Kosten für die Beheizung eines Neubaus sind daher die Installationskosten für den Wärmeerzeuger. Die Brennstoffkosten spie­len dage­gen nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Dies gilt auch für die Wärmeverluste der Netze in den fast immer dicht bebau­ten Neubaugebieten. Diese Verluste sind ohne­hin gering, da sowohl die Leitungslängen gering sind (bezo­gen auf die Anzahl der ange­schlos­se­nen Gebäude) als auch die Netztemperaturen.

Gelten für den Bestand hier andere Werte?

Wie schon aus­ge­führt, sollte die Wärmebelegungsdichte nicht unter 500 kWh/(m*a) sin­ken. Dabei ist allein ent­schei­dend, wie­viel Wärme die ange­schlos­se­nen Gebäude jähr­lich benö­ti­gen. Solange die ins­ge­samt abge­nom­mene Wärme gleich bleibt, ist es egal, ob kleine Gebäude mit einem hohen spe­zi­fi­schen Wärmebedarf (in kWh/m² jähr­lich) oder große Gebäude mit einem gerin­gen spe­zi­fi­schen Wärmebedarf ange­schlos­sen sind. Die wohn­flä­chen­be­zo­ge­nen Verteilnetzverluste sind daher kein guter Indikator für die Wirtschaftlichkeit eines Wärmeanschlusses.

Wie las­sen sich Netzverluste mini­mie­ren, etwa im Vergleich in Bezug auf kWh/a je Meter Trassenlänge?

Die wich­tigs­ten Möglichkeiten zur Minimierung der Netzverluste sind:

  • Verstärkung der Wärmedämmung der Leitungen. Am Markt wer­den eine ein­fa­che und eine zwei­fa­che Verstärkung ange­bo­ten
  • Vor- und Rücklaufleitung gemein­sam inner­halb eines (dicke­ren) Rohres ver­le­gen (sog. Twin- oder Duo-Rohre)
  • Netztemperaturen absen­ken
  • Möglichst kleine Rohrdurchmesser wäh­len.

Die Netzverluste kön­nen hal­biert wer­den, wenn anstelle von einer nor­ma­len Leitung ein Duo-Rohr mit zwei­fa­cher Verstärkung der Wärmedämmung gewählt wird. Die bes­ser gedämm­ten Leitungen sind natür­lich etwas teu­rer. Wird nur nach engen Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten opti­miert, so muss nur geprüft wer­den, ob die Ersparnis bei den Brennstoffkosten, die aus der ver­bes­ser­ten Wärmedämmung resul­tie­ren, aus­rei­chen, um die erhöh­ten Investitionskosten zu amor­ti­sie­ren. Das beim Bau von Bioenergiedörfern in Baden-Württemberg erfah­rendste Unternehmen (Solarcomplex) ver­wen­det aus Gründen des Klimaschutzes nur noch zwei­fach ver­stärkte Duoleitungen, und das obwohl es die Wärme meist sehr kos­ten­güns­tig aus Biogas-BHKW oder aus indus­tri­el­ler Abwärme bezieht.

Je gerin­ger die Temperaturdifferenz zwi­schen den Wärmeleitungen und dem umge­ben­den Erdreich ist, desto gerin­ger sind die Wärmeverluste. Daher führt die Absenkung der Netztemperaturen (= Mittelwert aus Vor- und Rücklauftemperatur) zu einer Minderung der Wärmeverluste. In Altbaugebieten ist dies nur in Kooperation mit den Wärmekunden mög­lich.
Die Vorlauftemperatur des Netzes muss min­des­tens so hoch sein, dass auch noch das Gebäude mit dem schlech­tes­ten haus­in­ter­nen Wärmeverteilsystem im Winter noch warm wird. Der Fernwärmeversorger kann den betref­fen­den Kunden gezielt bera­ten, wie für die­ses Gebäude durch Verbesserungen an den Heizkörpern oder an der Wärmedämmung die erfor­der­li­che Vorlauftemperatur abge­senkt wer­den kann.

Die Rücklauftemperaturen kön­nen abge­senkt wer­den, indem in jedem der ange­schlos­se­nen Gebäude ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ter­nen Wärmeverteilsystems durch­ge­führt wird. Auch ein Arbeitspreis, der von der Rücklauftemperatur abhän­gig ist, ist ein Anreiz für den Gebäudebesitzer, dafür zu sor­gen, dass das vom Wärmeversorger gelie­ferte heiße Wasser in sei­nen Heizkörpern mög­lichst stark abge­kühlt wird. Am ungüns­tigs­ten ist es, wenn ein Heizkörper voll auf­ge­dreht wird, sodass das oben ein­tre­tende Heizungswasser den Heizkörper sehr rasch durch­fließt und ihn dann prak­ti­sch ohne Abkühlung unten wie­der ver­lässt. Eine gute Abkühlung des gelie­fer­ten Heizungswassers hat auch zur Folge, dass ein gerin­ge­rer Rohrquerschnitt für die Fernwärmeleitungen erfor­der­lich ist. Wenn eine gute Abkühlung pro­gnos­ti­ziert wer­den kann, kön­nen die Fernwärmeleitungen von Anfang an klei­ner aus­ge­legt wer­den, was zu gerin­ge­ren Wärmeverlusten führt. In Deutschland sind die Stadtwerke Gießen ein Beispiel, wo Maßnahmen zur Absenkung der Rücklauftemperatur erfolg­reich waren.

Die Unterschiede am Markt bei der Wärmeleitfähigkeit des die Wärmeleitungen umhül­len­den Dämmmaterials sind nicht sehr groß. Unterschiede gibt es aller­dings bezüg­lich des Alterungsverhaltens des Dämmmaterials (lang­sa­mes Herausdiffundieren des Isoliergases, mit wel­chem das Dämmmaterial auf­ge­schäumt wurde).

Welche Art der Energieerzeugung ist Ihrer Meinung nach ideal, um ein Wärmenetz zu bedie­nen?

  • Geothermie, soweit kos­ten­güns­tig ver­füg­bar (also der­zeit nur im Molassebecken rund um München)
    Zukünftig Solarthermie nach däni­schen Beispiel. Das wäre im Prinzip über­all mög­lich. Bei den jün­ge­ren däni­schen Projekten (Vojens) wird solare Wärme für nur 42 €/MWh bereit­ge­stellt. Darin ist bereits ein sai­so­na­ler Wärmespeicher ent­hal­ten. Wird Förderung berück­sich­tigt, lie­gen die Kosten sogar noch gerin­ger.
  • Wärmeauskopplung aus Gaskraftwerken oder gas­mo­to­ri­schen BHKW. (Die Wärmeauskopplung aus Kohlekraftwerken wird von mir nicht emp­foh­len. Die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerke sollte aus Gründen des Klimaschutzes mög­lichst rasch redu­ziert wer­den. Wärmenetze soll­ten nicht dazu miss­braucht wer­den, um die Nutzung von kli­ma­schäd­li­cher Kohle zu ver­län­gern)
  • Nutzung von Biomasse-KWK. Dabei ist aller­dings das knappe Angebot an natio­nal ver­füg­ba­rer Biomasse und etwaige Nutzungskonkurrenzen (z.B. bei Biotreibstoffen oder der stoff­li­chen Nutzung) zu berück­sich­ti­gen
  • Nutzung von fes­ter Biomasse in Heizkesseln, aber nur in Verbindung mit Solarthermie. Letztere kann dann zu einem spä­te­ren Zeitpunkt, wenn sich die Grenzen des lokal ver­füg­ba­ren Biomassepotenzials bemerk­bar machen, wei­ter aus­ge­baut wer­den.
  • Nutzung von Großwärmepumpen soweit eine güns­tige Wärmequelle zur Verfügung steht und das Wärmenetz keine hohen Vorlauftemperaturen benö­tigt. Diese Option wird zuneh­mend inter­es­san­ter, je mehr erneu­er­ba­rer Strom, ins­be­son­dere Windstrom, ins öffent­li­che Netz ein­ge­speist wird.
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Können Sie eine kurze Einschätzung zu Dänemark geben und ob eine Entwicklung wie dort hier über­haupt mög­lich wäre?

Technisch gese­hen ist das, was in Dänemark mög­lich ist, natür­lich auch in Deutschland mög­lich. Dänemark ist sogar weni­ger dicht besie­delt als Deutschland, was sich in gerin­ge­ren Siedlungsdichten und, dar­aus fol­gend, gerin­ge­ren Wärmebelegungsdichten bemerk­bar macht. Trotzdem sind 62% der däni­schen Wohnungen an die Fernwärme ange­schlos­sen. Tendenz zuneh­mend. Es wer­den jetzt auch bis­her mit Gas ver­sorgte Gebiete auf Fernwärme umge­stellt (da es in DK eigent­lich einen Gebietsschutz gibt, bekommt der Gasversorger, dem der Kunde weg­ge­nom­men wird, dafür vom Fernwärmeversorger eine finan­zi­elle Kompensation). Diese Aktivitäten sind kom­pa­ti­bel mit dem däni­schen Ziel, schon bis zum Jahr 2035 die gesamte Wärme- und Stromversorgung auf erneu­er­bare Energien umzu­stel­len.

Der wich­tigste Unterschied zu Deutschland ist, dass in Dänemark Dänen woh­nen. Diese arbei­ten tra­di­tio­nell bes­ser zusam­men. Es wer­den der Konsens und die Gemeinschaft gesucht. In der Politik macht sich diese dadurch bemerk­bar, dass sich die däni­schen Parteien häu­fig auf einen Regierungschef eini­gen, der noch nicht ein­mal von der Partei ist, die die meis­ten Stimmen auf sich ver­ei­ni­gen konnte. Bei der Energiepolitik ist dies daran erkenn­bar, dass es einen par­tei­über­grei­fen­den Konsens über die Zukunft der Energieversorgung gibt. Eine neue Zusammensetzung des Parlaments hat daher kei­nen Einfluss auf die Energiepolitik. Auf Konsens und Langfristigkeit ange­wie­sene Versorgungsoptionen wie die Fernwärme pro­fi­tie­ren davon. Technisch machte sich die däni­sche Bereitschaft zur Zusammenarbeit z.B. dadurch bemerk­bar, dass schon in den 50er Jahren im länd­li­chen Raum eine grö­ßere Anzahl von Fernwärmeunternehmen gegrün­det wurde. In spä­te­ren Jahren wur­den die Dänen Vorreiter bei gro­ßen Biogasgemeinschaftsanlagen.

Auch in Dänemark hat es viele Jahrzehnte gedau­ert, bis die Fernwärme die heu­tige Bedeutung erlangt hat. Viel schnel­ler kann es auch in Deutschland nicht gehen. Deutschland hat heute mit zusätz­li­chen Problemen beim Ausbau von Fern- und Nahwärme zu kämp­fen, da in der Vergangenheit güns­tige Gelegenheiten ver­säumt wur­den. Der Ausbau der däni­schen Fernwärme wurde zu guten Teilen durch die wirt­schaft­li­chen Vorteile der KWK finan­ziert. Die ein­ge­setz­ten Brennstoffe Gas und Kohle waren bil­lig und der ver­kaufte Strom teuer. Bei den heu­ti­gen gerin­gen Stromkosten kann die KWK finan­zi­ell kaum mehr zum Ausbau der Fernwärme bei­tra­gen. Auch herrscht in Deutschland im Heizungsmarkt ein Verdrängungswettbewerb, den es in Dänemark so nie gab. In den50er Jahren war ohne­hin eine Umstellung von den dama­lig domi­nie­ren­den Feststofffeuerungen auf kom­for­ta­blere Heizungssysteme erfor­der­lich. Und seit 1979 gibt es in Dänemark ein Wärmegesetz, wel­ches den Kommunen die Erstellung von lang­fris­tig ori­en­tier­ten Wärmeplänen vor­schrieb – sehr zum Nutzen der Fernwärme.

Und nun meine kurze Einschätzung: Ja, lang­fris­tig halte ich auch in Deutschland eine Entwicklung wie in Dänemark für mög­lich. Der erste Schritt hierzu wäre, dass auch hier­zu­lande – so wie in Dänemark seit lan­gem – es die Kommunen als ihre Aufgabe sehen, die Wärmeversorgung ihrer Bürger lang­fris­tig zu sichern und zwar auf der Basis von erneu­er­ba­ren Energien. Und damit Schwung in die Sache kommt, wären diese Wärmepläne so zu struk­tu­rie­ren, dass sie

  1. Mit den Wärmeplänen der Nachbarkommune leicht ver­gleich­bar sind (Wettbewerb)
  2. Sich die Beiträge der ein­zel­nen Kommune zum Klimaschutz leicht auf­ad­die­ren las­sen, sodass sich eine Summe ergibt, aus der sich der Gesamtbeitrag Deutschlands zum Klimaschutz ergibt (z.B. müsste durch die Strukturierung die Gefahr von Doppelzählungen ver­mie­den wer­den)
  3. Die Möglichkeiten, die zur Nutzung erneu­er­ba­rer Energien auf dem Gebiet der Gemeinde vor­han­den sind, so auf­zei­gen, dass sich erken­nen lässt, wel­cher Beitrag zum Klimaschutz von jeder Gemeinde rea­lis­ti­sch erwar­tet wer­den kann (Gerechtigkeit und die Möglichkeit, natio­nale Ziele auf die Gemeindeebene her­un­ter­zu­bre­chen).