Neuverlegung eines Fernwärmenetzes im Bestand. Foto: Fachverband SHK NRW

Wann sind Wärme­netze sinnvoll – und wann nicht

von | 29. Februar 2016

Ein rege­ne­rativ bestücktes Block­heiz­kraftwerk wärmt eine kleine Siedlung. Die Abwärme eines Kohle­kraft­werks wärmt eine halbe Großstadt. Die kombi­nierte Erzeugung von Wärme und Strom ist effektiv. Dennoch: Immer ist ein Wärmenetz nötig. Und in dessen Natur liegen zwangs­läufig Verluste. Doch wie groß dürfen diese sein, soll sich ein Wärmenetz im Nah- oder Fern­be­reich trotzdem tragen?

Wärme­netze boomen. Wurden im Jahr 2000 noch sieben Prozent aller neuge­bauten Wohnungen in Deutschland mit Fern- und Nahwärme versorgt, waren es 2015 bereits 20 Prozent. Auch in den Bestands­woh­nungen nimmt ihr Anteil zu, und zwar von zwölf Prozent vor 15 Jahren auf nunmehr 13,5 Prozent. Gestützt wird dies teils durch Anschluss­zwänge der Kommunen. Die wittern darin kommende, konti­nu­ier­liche und gut zu planende Einnahmen für ihre Stadt­werke, die in aller Regel mono­pol­artig die Wärme­netze befüllen.

Deswegen ist Fernwärme, verglichen mit anderen Ener­gie­trägern eine recht teure Wärme­quelle. Das Fach­ma­gazin Brenn­stoff­spiegel sieht für den Oktober 2015 Fernwärme bundes­durch­schnittlich bei 7,91 Eurocent je kWh (3.000 Liter Heizöl-​Äquivalent). Erdgas kostete mit 6,60 Cent rund 16 Prozent weniger und Heizöl mit 5,11 Cent sogar 35 Prozent. Gerechnet seit dem Jahr 2000 bis 2014 musste ein Haushalt mit Fernwärme rund 4.100 Euro mehr für die Wärme­en­ergie ausgeben als ein vergleich­barer ölbe­heizter Haushalt. Im Gegenzug musste letzterer natürlich die Kosten für Wartung, Schorn­stein­feger und even­tuelle Repa­ra­turen aufbringen, die bei der Fernwärme entfallen. Fernwärme ist dennoch teurer.

Die Fernwärme steht wegen dieser mono­pol­be­dingten Kosten im Fokus des Bundes­kar­tell­amtes. Während viele Wärme­netz­be­treiber durchaus markt­fähige, sprich mit anderen Wärme­trägern vergleichbare Preise verlangen, haben andere ihre Mono­pol­stellung ausge­nutzt. Gegen sieben leiteten die Kartell­wächter Verfahren ein. 2016 werden daraufhin die ersten Fern­wär­me­ver­sorger ihre Preise senken. In Thüringen und Mecklenburg-​Vorpommern haben einige Versorger ihre Tarife bereits auf Druck der Landes­kar­tell­be­hörden angepasst.

Verbrau­cher­schützern reicht dies nicht. Denen sind die Befug­nisse der Aufsichts­be­hörden nicht ausrei­chend, um auch in Zukunft Miss­bräuche zu unter­binden. Das Hamburg Institut ermit­telte, dass die Vorgaben bei Vertrags- und Preis­ge­staltung, Veröf­fent­li­chung der Preise oder Infor­ma­tionen über die Qualität der Fernwärme deutlich hinter denen im Gas- und Strom­be­reich zurück­fielen. Deswegen fordert die Verbrau­cher­schutz­zen­trale Ände­rungen verschie­dener Energiegesetze.

Netze nur bei Akzeptanz

Dieses Verhalten der Versorger trübt die Akzeptanz, die beim Neubau von Wärme­netzen Grund­vor­aus­setzung ist. Nur wenn alle Betei­ligten zustimmen, lassen sich entspre­chende Projekte reali­sieren – außer durch Anschluss­zwänge. Zual­lererst sind dies die Wärme­kunden. Denn sie binden sich meist Jahr­zehnte lang an einen Wärme­träger – ohne Aussicht, diesen bei ungüns­tigen Preis­ent­wick­lungen oder besseren Tech­no­logien wechseln zu können. Hinzu kommen die Bauherren und die Politiker, die auf kommu­naler Ebene ein geeig­netes Umfeld schaffen müssen. Dafür müssen die Vorteile über­wiegen, aber auch die Nachteile der Netze klar benannt werden.

Wann sind Netze wirtschaftlich

Doch wann ist ein Netz überhaupt wirt­schaftlich? Wie für vieles im Leben gibt es auch für die Effizienz von Wärme­netzen einen Wert. Und der heißt „15 Kilo­watt­stunden pro Quadrat­meter Wohn­fläche im Jahr“ (siehe auch Kasten Parameter: Wärmenetz für den Neubau). Dieser Wert bezeichnet den Maxi­mal­verlust, den ein Wärmenetz überhaupt in einem Neubau­vor­haben aufweisen dürfte, um rentabel zu sein. Liegt der Wert darüber, lohnen sich ausnahmslos dezen­trale Wärme­ver­sorger. Wichtig für die Renta­bi­lität sind auch die Tras­sen­ver­luste und die Anschluss­dichte, die den Verteil­nut­zungsgrad ausmachen. Und der sollte nach Meinung von Gunnar Eikenloff, der am Wolfen­büt­teler EOS – Institut für ener­gie­op­ti­mierte Systeme forscht, nie 90 Prozent unter­schreiten. An diesen Wert orien­tieren sich etwa Anbieter wie die Stadt­werke Leipzig. …

Ein Beitrag, wie die Zukunft der Wärme­netze aussehen könnte, haben meine Energieblogger-​Kollegen von Ecoquent Positions hier verfasst.


Gekürzt. Geschrieben für Immo­bi­li­en­wirt­schaft. Der voll­ständige Beitrag erschien in der Nummer 02/​2016. Er ist auch hier online auf Seite 54 bis 57 zu lesen. Zum Abon­nement der Zeit­schrift Immo­bi­li­en­wirt­schaft geht es hier.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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