Via Nord Stream fließt ungehindert russisches Erdgas nach Deutschland. Foto: Gazprom

Hinter­grund: Gazproms Einfluss auf deutschen Gasmarkt

von | 23. November 2015

BASF und der russische Konzern Gazprom haben sich Anfang September 2015 darauf geeinigt, wert­gleiche Vermö­gens­ge­gen­stände zu tauschen. Ursprünglich war dies bereits für 2014 geplant, wurde aber vor dem Hinter­grund der Span­nungen zwischen der Euro­päi­schen Union (EU) und Russland abgesagt wurde. Die damals verhängten Sank­tionen betrafen nach dem Willen der EU aus Gründen der Versor­gungs­si­cherheit ausdrücklich nicht das Erdgas­ge­schäft, das deswegen ganz normal weiterlief.

Der Tausch wird nun noch 2015 vollzogen. Gazprom kommt damit seiner erklärten Strategie, in Europa eine vertikale Markt­durch­dringung, also von der Explo­ration bis hin zum Endkunden, deutlich näher.

Doch wie sind beide Unter­nehmen, also BASF und Gazprom, nun in Zukunft mitein­ander verbandelt? Dieser Bericht folgt im Wesent­lichen einer Anfrage der Fraktion der Linken an die Bundes­re­gierung und deren Antworten darauf.

Die BASF-​Tochter Wintershall erhält durch die Trans­aktion den wirt­schaft­lichen Gegenwert von 25 Prozent plus einen Anteil an den Blöcken IV und V der Achimov-​Formation des Urengoi-​Erdgas- und Konden­sat­felds in West­si­birien. Die zwei Blöcke werden gemeinsam von Gazprom und Wintershall erschlossen. 

Im Gegenzug hat Wintershall ihre Betei­ligung an dem bislang gemeinsam betrie­benen Erdgashandels- und Spei­cher­ge­schäft an Gazprom über­tragen. Hierzu zählen die 50 Prozent der Anteile an den Erdgas­han­dels­ge­sell­schaften WINGAS, WIEH (Wintershall Erdgas­han­delshaus Berlin) und WIEE (Wintershall Erdgas­han­delshaus Zug) einschließlich der Anteile an der Spei­cher­ge­sell­schaft astora, die die Erdgas­speicher in Rehden und Jemgum betreibt, sowie des Anteils an dem Erdgas­speicher in Haidach/​Österreich.

Damit hat Gazprom rund ein Viertel der deutschen Spei­cher­ka­pa­zi­täten in der Hand, auch wenn diese derzeit nicht profi­tabel zu betreiben sind. Mit der Wingas verfügt sie nun über eine Tochter, die als Liefe­rantin von Stadt­werken zumindest in Nord­deutschland das Endkun­den­ge­schäft prägt.

Gazprom beteiligt sich zudem mit 50 Prozent an der Wintershall Noordzee B.V., die in der Erdöl- und Erdgas­suche sowie ‑förderung in der südlichen Nordsee (Nieder­lande, Groß­bri­tannien und Dänemark) tätig ist. Dadurch enga­gieren sich sowohl BASF als auch Gazprom deutlich stärker in der gemein­samen Förderung und dem Transport nach Deutschland. BASF hingegen zieht sich aus den Bereichen Spei­cherung und Handel des deutschen Gasmarkt zurück.

Ein Großteil des Gasim­ports aus Russland über die Nord-​Stream-​Pipeline durch die Ostsee direkt aus Russland nach Deutschland geleitet. Am 4. September 2015 haben Gazprom, BASF, E.ON, ENGIE, OMV und Shell einen Gesell­schaf­ter­vertrag über die Umsetzung des „Nord Stream 2“-Pipelineprojekts unter­schrieben, um die Erdgas­ver­sorgung auf dem euro­päi­schen Markt mit zwei weiteren Röhren auszu­bauen. Das Projekt wird von der neuen Projekt­ge­sell­schaft „New European Pipeline AG“ entwi­ckelt. Gazprom ist mit 51 Prozent an der Projekt­ge­sell­schaft beteiligt. E.ON, Shell, OMV und BASF/​Wintershall werden je 10 % und ENGIE 9 % halten. Dieses Vorhaben wird u. a. von EU-​Kommissar Maroš Šefčovič kriti­siert, da sie „die gesamte Gasba­lance“ in Europa stören würde. Dies wird wiederum von der Bundes­re­gierung bezweifelt. 

Vorschaubild: Via Nord Stream fließt unge­hindert russi­sches Erdgas nach Deutschland. Foto: Gazprom

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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