Toll­haus Ener­gie­wende: Abschalt­bare Lasten bleiben

Die Aluminiumindustie ist eine der wenigen, die bisher die Möglichkeiten der abschaltbaren Lasten nutzte. Foto: LoKiLeCh / Wikimedia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0
Die Aluminiumindustie ist eine der wenigen, die bisher die Möglichkeiten der abschaltbaren Lasten nutzte. Foto: LoKiLeCh / Wikimedia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0

In Paris lässt es sich treff­lich über die Rettung der Welt strei­ten. Deutsch­land ist da ganz weit vorn, sieht es sich doch als Mus­ter­knabe in Sachen Ener­gie­wende. Die stot­tert jedoch gewal­tig. Im Wär­me­markt werden die Erneuerbaren-Ziele von 14 % bis 2020 nimmer erreicht. Statt dessen feiert die gute alte Ölhei­zung ihr Come­back. Und im Ver­kehrs­sek­tor tut sich wenig bis gar nichts. Nur der Strom­markt glänzt mit jähr­lich wach­sen­den Wind- und Solar­parks.

Doch auch hier quietscht und knarrt es gewal­tig. Aktuell geht es um einen Bau­stein für den Strom­markt der Zukunft, die soge­nann­ten abschalt­bare Lasten. (AbLaV). 2013 wurden diese instal­liert und bezeich­nen Ver­brauchs­ein­rich­tun­gen vor­ran­gig in der Indus­trie, die am Netz der all­ge­mei­nen Ver­sor­gung oder an einem geschlos­se­nen Ver­tei­ler­netz mit einer Span­nung von min­des­tens 110 Kilo­volt (Hoch­span­nung) ange­schlos­sen sind. Sie nehmen mit großer Leis­tung nahezu rund um die Uhr Strom ab. Sie sind jedoch in der Lage, ihre Ver­brauchs­leis­tung auf Anfor­de­rung der Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber redu­zie­ren zu können. Dafür sind ein fester monat­li­cher Leis­tungs­preis von 2.500 Euro pro Mega­watt und ein varia­bler Arbeits­preis zwi­schen 100 und 400 Euro pro Mega­watt­stunde vor­ge­se­hen.

Von Indus­trie nicht genutzt

Die Bun­des­re­gie­rung stellte Anfang Oktober fest, dass bisher 6 Rah­men­ver­träge mit 4 Unter­neh­men aus der che­mi­schen und der Aluminium-Industrie abge­schlos­sen. Die Gesamt­ab­schalt­leis­tung betrage 465 MW im Bereich sofort abschalt­ba­rer Lasten und 979 MW im Bereich schnell abschalt­ba­rer Lasten. Die mög­li­che Kon­tra­hie­rungs­menge würde damit seitens der indus­tri­el­len Anbie­ter bei weitem nicht aus­ge­schöpft. Für die Indus­trie wären Ver­gü­tun­gen von 320 Mil­lio­nen Euro möglich gewesen. 2013 wurden davon 9,7.Millionen Euro genutzt, 2014 knapp 19 Mil­lio­nen Euro und die ersten drei Monate 2015 8,3 Mil­lio­nen Euro.

Die Bun­des­netz­agen­tur empfahl, die Ver­ord­nung aus­lau­fen zu lassen, da im Berichts­zeit­raum kein Bedarf an abschalt­ba­ren Lasten bestand. Weiter schrieb die Agentur: „Die der­zei­tige Ver­ord­nung über Ver­ein­ba­run­gen zu abschalt­ba­ren Lasten ist darüber hinaus nicht aus­rei­chend geeig­net, zusätz­li­che Poten­tiale an abschalt­ba­ren Lasten für den Strom- und Regel­en­er­gie­markt zu erschlie­ßen. Um die weitere Liqui­di­tät des Regel­leis­tungs­markts sicher­zu­stel­len und eine „Kan­ni­ba­li­sie­rung“ des Regel­en­er­gie­mark­tes durch die AbLaV zu ver­hin­dern, sollten abschalt­bare Lasten daher ihre Abschalt­leis­tung regulär am Regel­en­er­gie­markt anbie­ten.“

Sinn­lo­ses wei­ter­füh­ren

Doch welch Wunder: Der Bun­des­tag sin­niert nun darüber nach, dieses offen­sicht­lich sinn­lose Instru­ment wei­ter­zu­füh­ren. Das ruft ver­ständ­li­che Kritik auf den Plan. „Die Ver­ord­nung zu abschalt­ba­ren Lasten sollte hierfür einen Anreiz geben. Sie konnte ihren Nutzen in der Praxis nicht nur nicht nach­wei­sen, sondern sie erweist sich inzwi­schen als gera­dezu ener­gie­wen­de­schäd­lich“, sagt Robert Busch, Geschäfts­füh­rer des Bun­des­ver­ban­des Neue Ener­gie­wirt­schaft (bne). Er ver­weist dabei auf einen aktu­el­len Bericht der Bun­des­netz­agen­tur, der die Wirkung der AbLaV unter­sucht hat. Laut Behörde hat das Instru­ment sein Ziel nicht erfüllt und gleich­zei­tig bestehende Mög­lich­kei­ten zur Inte­gra­tion abschalt­ba­rer Lasten, wie den Regel­en­er­gie­markt, negativ beein­träch­tigt.

Letzt­end­lich pro­fi­tie­ren nur sehr wenige Unter­neh­men von der Rege­lung für abschalt­bare Lasten. Die Kosten im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich müssen jedoch alle Strom­ver­brau­cher tragen. Das trifft den Handel als Branche mit dem dritt­größ­ten Strom­ver­brauch in Deutsch­land ganz beson­ders“, so Kai Falk, Geschäfts­füh­rer des Han­dels­ver­ban­des Deutsch­land (HDE). Aus Sicht von HDE und bne böten die im Weiß­buch des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men genü­gend Fle­xi­bi­li­täts­an­reize für indus­tri­elle Anbie­ter. „Eine Ver­län­ge­rung der Ver­ord­nung ist daher auch aus diesem Grund nicht not­wen­dig“, so Falk weiter.

Mehr Netz­ent­gelt?

Völlig unklar ist zudem, ob die Ver­län­ge­rung der AbLaV sich bereits in den Netz­ent­gel­ten für das kom­mende Jahr aus­wirkt. Die Netz­be­trei­ber haben diese bereits Mitte Oktober bekannt gegeben, die Ener­gie­ver­triebe auf dieser Grund­lage ihre Tarife kal­ku­liert und ihren Kunden mit­ge­teilt. „Wenn nun wieder alles anders kommt, stellt dies die Lie­fe­ran­ten vor eine große Her­aus­for­de­rung und behin­dert den Wett­be­werb“, so Busch.

Vor­schau­bild: Die Alu­mi­ni­um­in­dus­tie ist eine der wenigen, die bisher die Mög­lich­kei­ten der abschalt­ba­ren Lasten nutzte. Foto: LoKiL­eCh / Wiki­me­dia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0