Blockheizkraftwerke von 1 bis 50 MW müssen in Zukunft an Ausschreibungen teilnehmen, wenn sie gefördert werden wollen. Foto: E.ON

Erneu­erbare Energien sind die Zukunft der Wärmenetze

von | 1. März 2016

EnWiPo führte mit Michael Nast vom Stutt­garter Institut für Tech­nische Ther­mo­dy­namik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ein Interview zu den Vor- und Nach­teilen sowie der Zukunfts­fä­higkeit von Wärmenetzen.


Welche grund­sätz­lichen Vor- und Nachteile sehen Sie in Nah- und Fernwärmenetzen?

Vorteile gibt es folgende:

  • kosten­günstige Groß­an­lagen werden bei solarer Wärme und Geothermie möglich
  • kosten­günstige saisonale Speicher werden möglich
  • Wärme aus Biogas-​BHKW kann genutzt werden, für die es sonst im Bauernhof neben der Biogas­anlage keine Verwendung gäbe
  • Biomasse-​KWK mit fester Biomasse wird möglich. In kleineren Anlagen lässt sich feste Biomasse wegen tech­ni­scher Probleme nur zur Wärme­er­zeugung nutzen.
  • Kosten­güns­tiger Brenn­stoff und saubere Abgase bei Holz- und Stroh­ver­brennung werden möglich. Erst bei größeren Feue­rungs­an­lagen werden Abgas­rei­ni­gungs­an­lagen wirt­schaftlich vertretbar. Dann können auch billigere Brenn­stoffe wie vereiste Rinde oder Stroh, die ohne Abgas­rei­nigung zu hohe Emis­sionen verur­sachen würden, genutzt werden.
  • höherer elek­tri­scher Wirkungsgrad bei größeren, auch fossil befeu­erten KWK-​Anlagen. Der Wert von elek­tri­scher Energie ist viel höher als der von Wärme – z.B. weil 1 kWh Strom mit Hilfe eines billigen Tauch­sieders direkt in 1 kWh Wärme umge­wandelt werden kann, umgekehrt aber Wärme nur mit teuren Analgen und hohen Verlusten in Strom verwandelt werden kann.
  • Indus­trielle Abwärme, die bisher wegge­kühlt wurde, kann genutzt werden.
  • Wärme aus Müll­ver­bren­nungs­an­lagen wird nutzbar
  • Große Wärme­pumpen können günstige (Ab-)Wärmequellen nutzen
  • Elek­tro­heizer mit Wärme­spei­chern können jederzeit Über­schuss­strom aus EE nutzen. Die Wärme­speicher der Fern­wär­me­un­ter­nehmen können sehr viel Wärme (und damit auch sehr viel Strom) aufnehmen, die dann zu einem späteren Zeitpunkt genutzt werden kann. Da die großen Fern­wär­me­speicher nur sehr langsam auskühlen, kann diese Nutzung auch noch Wochen später erfolgen.
  • Flexi­bi­lität bei der Wahl von Technik und Brenn­stoff. Es ist viel teurer in 1000 Gebäuden die Wärme­er­zeuger zu ersetzen als der Austausch eines Wärme­er­zeugers in einer Heiz­zen­trale, aus welcher 1000 Gebäude versorgt werden.

Nachteile siehe ich hier:

  • Wärme­ver­luste! Nur dort anwenden, wo die Vorteile die Nachteile der Wärme­ver­luste über­wiegen. Die Wärme­ver­luste lassen sich durch verschieden Maßnahmen verringern. Dazu gehören: 
    • Die Nutzung von Wärme­lei­tungen mit verstärkter Wärme­dämmung. Die Absenkung der Netz­tem­pe­ra­turen. Schon ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ternen Wärme­ver­tei­lungs­systems der an das Wärmenetz ange­schlos­senen Gebäude führt zu einer Abnahme der Rück­lauf­tem­pe­ra­turen des Wärmenetzes.
    • Orga­ni­sa­to­ri­sches Problem: Kollektive Entschei­dungen sind erfor­derlich, da eine Nahwär­me­ver­sorgung nur dann wirt­schaftlich betrieben werden kann, wenn gleich zu Beginn des Betriebs die Anschluss­dichte genügend hoch ist. Dies ist gravierend, da bei den konkur­rie­renden Behei­zungs­arten wie Ölkessel, Pellet­kessel oder Wärme­pumpen nur eine indi­vi­duelle Entscheidung, die unab­hängig von den Entschei­dungen der Nachbarn erfolgen kann, erfor­derlich ist.
    • Proble­matik in den Gebieten Deutsch­lands, in denen ein Bevöl­ke­rungs­schwund zu verzeichnen ist, welcher mit einem zuneh­menden Leerstand von Wohnungen und Gebäuden einhergeht. Diese Proble­matik ist nicht fern­wär­me­spe­zi­fisch, da sie alle Arten von Infra­struk­tur­maß­nahmen betrifft.

Wo sehen Sie den zukünf­tigen Platz von Wärme­netzen bei immer effi­zi­en­teren Gebäuden?

In Altbau­ge­bieten erfolgen die Fort­schritte bei der Wärme­dämmung nur langsam – deutlich langsamer als dies gemäß dem Ener­gie­konzept der Bundes­re­gierung erfor­derlich wäre. Bis zum Jahr 2020 wird von der Bundes­re­gierung eine Minderung des Wärme­be­darfs in Wohn­ge­bäuden um 20% (gegenüber 2008) ange­strebt. Erreicht werden bis dahin wohl nur ca. 8%. Dazu passt die Beob­achtung in den Nahwär­me­netzen, die in den letzten Jahren errichtet wurden, dass die Minderung des Wärme­be­darfs in den bereits ange­schlos­senen Gebäuden durch den Neuan­schluss von weiteren Gebäuden häufig über­kom­pen­siert werden konnte. Natürlich nimmt die Wirt­schaft­lichkeit aller Verteil­netze (Strom, Gas, Wärme) ab, wenn weniger Energie verteilt wird. Aber der Effekt der verbes­serten Wärme­dämmung auf die Wirt­schaft­lichkeit von Fern- oder Nahwär­me­netzen wird nach meiner Ansicht deutlich über­schätzt. Dies belegen auch die Akti­vi­täten in unserem Nach­barland Dänemark, wo inzwi­schen auch bereits mit Gas versorgte Gebiet für die Fernwärme erschlossen werden, obwohl die Wärme­dämm­vor­schriften in Dänemark ähnlich streng wie die deutschen sind. Gebiete, die heute inter­essant für die Versorgung aus Wärme­netzen sind, werden dies daher auch in der Zukunft noch sein.

Welche grund­sätz­lichen Entschei­dungs­kri­terien legen Sie zugrunde, um die Wirt­schaft­lichkeit eines Wärme­netzes für ein Neubau­gebiet einzuschätzen?

Michael Nast. Foto: privat

Michael Nast. Foto: privat

Vorweg eine Anmerkung zu der Bedeutung von Neubauten im Vergleich zu Altbauten bezüglich des Klima­schutzes. Im Vergleich zu den Altbauten aus der Zeit vor 1980 (und das ist der bei weitem über­wie­gende Anteil des gesamten heutigen Gebäu­de­be­stands) verfügen die Neubauten über eine hervor­ra­gende Wärme­dämmung. Auch im Jahr 2050 wird der größte Teil des zukünf­tigen Wärme­be­darfs noch in solchen Gebäuden anfallen, die vor 1980 errichtet wurden. Mit welcher Heiz­technik der noch verblei­bende geringe Wärme­bedarf der Neubauten, die gemäß der EnEV 2016 errichtet werden, gedeckt wird, ist aus Sicht des Klima­schutzes nur noch wenig relevant. Nun zur Frage: In der Tat sehe auch ich bei Neubau­ge­bieten die Wirt­schaft­lichkeit als das entschei­dende Kriterium bei der Auswahl eines Heizungs­systems an – für den Klima­schutz ist schon durch die Erfüllung der EnEV hinrei­chend gesorgt. Nahwärme kann dabei trotzdem durchaus die wirt­schaft­lichste Lösung sein, da eine Wärme-​Übergabestation deutlich billiger ist als ein Kessel gleich welcher Bauart oder eine Wärme­pumpe. Abzuwägen ist dieser Vorteil gegenüber den Zusatz­kosten, die durch das Wärmenetz und die Heiz­zen­trale entstehen. Je dichter die Gebäude anein­an­der­stehen, desto kürzer (und damit billiger) wird das erfor­der­liche Wärmenetz. Der güns­tigste Fall ergibt sich, wenn es sich um Reihen­haus­sied­lungen handelt und die Wärme­lei­tungen kosten­günstig durch die Keller der Gebäude verlegt werden können. Auch möchte ich darauf hinweisen, dass bei Neubau­ge­bieten die Netz­tem­pe­ra­turen sehr gering sein können, da die Heizungs­systeme der neu errich­teten Gebäude mit sehr geringen Zusatz­kosten so ausgelegt werden können, dass nur geringe Vorlauf­tem­pe­ra­turen benötigt werden. Das käme z.B. der Versorgung aus einer in der Heiz­zen­trale instal­lierten, großen Wärme­pumpe sehr entgegen. Die Details der Wirt­schaft­lich­keits­be­rechnung müssen wohl dem Bauträger über­lassen bleiben. Mir ist jeden­falls keine Faust­regel bekannt, nach der sich die Wirt­schaft­lichkeit der Nahwär­me­ver­sorgung eines Neubau­ge­bietes einschätzen lässt.

Welche davon abwei­chenden Über­le­gungen gelten für Bestandsgebiete?

In Altbau­ge­bieten ist die Tras­sen­länge je Haus­an­schluss sehr viel größer als in Neubau­ge­bieten (wenn man mal von den extrem engen mittel­al­ter­lichen Bebau­ungen in den histo­ri­schen Kernen einiger Klein­städte absieht). Auch die Netz­tem­pe­ra­turen sind dort höher. Dem entspre­chend müssen sowohl den Netz­kosten als auch den Netz­ver­lusten eine höhere Bedeutung als bei Neuge­bieten beigemessen werden. Ein guter Richtwert für die Wärme­be­le­gungs­dichte (das ist die von den Gebäuden durch­schnittlich abge­nommene Jahres­wär­me­menge geteilt durch die Tras­sen­länge des Wärme­netzes inkl. Haus­an­schluss­lei­tungen), die mindestens erreicht werden sollte, sind 500 kWh/(m*a). Wie Messungen an Bioen­er­gie­dörfern in Baden-​Württemberg zeigen, sind bei dieser Wärme­be­le­gungs­dicht noch Wärme­ver­luste von unter 20% möglich (in Einzel­fällen sogar nur 12%). Auch die meisten Wärme­netze in Dänemark weisen Wärme­be­le­gungs­dichten von über 500 kWh/(m*a) auf. Wie hoch die akzep­tablen Verluste eines Wärme­netzes aus Sicht des Klima­schutzes sein dürfen, hängt von der Wärme­quelle ab. Bei einem Biogas-​BHKW oder indus­tri­eller Abwärme, die ohne Nahwär­menetz hätte wegge­kühlt werden müssen, gibt es dafür keine Ober­grenze. Steht dagegen nur ein Gasheiz­kessel in der Heiz­zen­trale, wäre in fast allen Fällen dem Klima besser gedient, wenn statt des zentralen Gaskessels viel kleinere Zentral­hei­zungs­kessel aus einem Gasnetz versorgt werden.

Für die Wirt­schaft­lichkeit sind die Kosten für die Verlegung des Wärme­netzes entscheidend. Pro Meter verlegt Trasse können diese Kosten je nach den örtlichen Gege­ben­heiten sehr unter­schiedlich sein. Aus den Statis­tiken für das Markt­an­reiz­pro­gramm (MAP), über welches die Instal­lation von jährlich etwa 1.000 km Wärmenetz gefördert wird, ergeben sich Kosten, die im Mittel deutlich unter. 200 € je Meter Trasse liegen. Kleinere Netze, bei denen ein größerer Anteil in unbe­fes­tigtem Gelände verlegt worden sein dürfte, waren dabei besonders günstig. Diese vergleichs­weise geringen Kosten sind dadurch erklärbar, dass sich viele der vom MAP geför­derten Netze im länd­lichen Raum befinden, wo es bei der Leitungs­ver­legung wenig (Platz-)Probleme mit sonstigen erdver­legten Leitungen (Tele­kom­mu­ni­kation, Wasser, Abwasser) gibt und häufig auch kosten­günstig im unbe­fes­tigten Bereich außerhalb der geteerten Straßen verlegt werden kann. Im städ­ti­schen Bereich können die Kosten ein Viel­faches betragen. So geht gibt der von der baye­ri­schen Landes­re­gierung heraus­ge­gebene „Leitfaden Ener­gie­nut­zungsplan“ einen Richtwert von 800 €/​m an. Dieser dürfte in München und seinen Vororten ein durchaus typischer Wert sein. Um die Wirt­schaft­lichkeit eines Nahwär­me­pro­jektes zu beur­teilen, ist es ange­sichts der großen Kosten­spannen daher auch im Altbau­be­stand unab­dingbar, sich die Verhält­nisse vor Ort anzusehen.

Natürlich sind auch die Brenn­stoff­kosten für die Wirt­schaft­lich­keits­rechnung von Bedeutung. Diese können bei Wärme­netzen sehr günstig sein. Die von dem BHKW einer Biogas­anlage erzeugte Wärme wird meist kostenfrei abgegeben (dafür bezieht der Biogas-​Landwirt eine höhere EEG-​Vergütung für seinen ins öffent­liche Stromnetz einge­speisten Biogas­strom). Auch die Nutzung von indus­tri­eller Abwärme kann sehr kosten­günstig sein.

Welche wohn­flä­chen­be­zo­genen Verteil­netz­ver­luste dürfen Ihre Meinung nach maximal auftreten, damit sich ein Anschluss für ein Neubau­gebiet rechnen kann?

Neubauten haben nur noch einen sehr geringen Wärme­bedarf. Die entschei­denden Kosten für die Beheizung eines Neubaus sind daher die Instal­la­ti­ons­kosten für den Wärme­er­zeuger. Die Brenn­stoff­kosten spielen dagegen nur eine unter­ge­ordnete Rolle. Dies gilt auch für die Wärme­ver­luste der Netze in den fast immer dicht bebauten Neubau­ge­bieten. Diese Verluste sind ohnehin gering, da sowohl die Leitungs­längen gering sind (bezogen auf die Anzahl der ange­schlos­senen Gebäude) als auch die Netztemperaturen.

Gelten für den Bestand hier andere Werte?

Wie schon ausge­führt, sollte die Wärme­be­le­gungs­dichte nicht unter 500 kWh/(m*a) sinken. Dabei ist allein entscheidend, wieviel Wärme die ange­schlos­senen Gebäude jährlich benötigen. Solange die insgesamt abge­nommene Wärme gleich bleibt, ist es egal, ob kleine Gebäude mit einem hohen spezi­fi­schen Wärme­bedarf (in kWh/​m² jährlich) oder große Gebäude mit einem geringen spezi­fi­schen Wärme­bedarf ange­schlossen sind. Die wohn­flä­chen­be­zo­genen Verteil­netz­ver­luste sind daher kein guter Indikator für die Wirt­schaft­lichkeit eines Wärmeanschlusses.

Wie lassen sich Netz­ver­luste mini­mieren, etwa im Vergleich in Bezug auf kWh/​a je Meter Trassenlänge?

Die wich­tigsten Möglich­keiten zur Mini­mierung der Netz­ver­luste sind:

  • Verstärkung der Wärme­dämmung der Leitungen. Am Markt werden eine einfache und eine zweifache Verstärkung angeboten
  • Vor- und Rück­lauf­leitung gemeinsam innerhalb eines (dickeren) Rohres verlegen (sog. Twin- oder Duo-Rohre)
  • Netz­tem­pe­ra­turen absenken
  • Möglichst kleine Rohr­durch­messer wählen.

Die Netz­ver­luste können halbiert werden, wenn anstelle von einer normalen Leitung ein Duo-​Rohr mit zwei­facher Verstärkung der Wärme­dämmung gewählt wird. Die besser gedämmten Leitungen sind natürlich etwas teurer. Wird nur nach engen Wirt­schaft­lich­keits­ge­sichts­punkten optimiert, so muss nur geprüft werden, ob die Ersparnis bei den Brenn­stoff­kosten, die aus der verbes­serten Wärme­dämmung resul­tieren, ausreichen, um die erhöhten Inves­ti­ti­ons­kosten zu amor­ti­sieren. Das beim Bau von Bioen­er­gie­dörfern in Baden-​Württemberg erfah­rendste Unter­nehmen (Solar­complex) verwendet aus Gründen des Klima­schutzes nur noch zweifach verstärkte Duolei­tungen, und das obwohl es die Wärme meist sehr kosten­günstig aus Biogas-​BHKW oder aus indus­tri­eller Abwärme bezieht.

Je geringer die Tempe­ra­tur­dif­ferenz zwischen den Wärme­lei­tungen und dem umge­benden Erdreich ist, desto geringer sind die Wärme­ver­luste. Daher führt die Absenkung der Netz­tem­pe­ra­turen (= Mittelwert aus Vor- und Rück­lauf­tem­pe­ratur) zu einer Minderung der Wärme­ver­luste. In Altbau­ge­bieten ist dies nur in Koope­ration mit den Wärme­kunden möglich.
Die Vorlauf­tem­pe­ratur des Netzes muss mindestens so hoch sein, dass auch noch das Gebäude mit dem schlech­testen haus­in­ternen Wärme­ver­teil­system im Winter noch warm wird. Der Fern­wär­me­ver­sorger kann den betref­fenden Kunden gezielt beraten, wie für dieses Gebäude durch Verbes­se­rungen an den Heiz­körpern oder an der Wärme­dämmung die erfor­der­liche Vorlauf­tem­pe­ratur abgesenkt werden kann.

Die Rück­lauf­tem­pe­ra­turen können abgesenkt werden, indem in jedem der ange­schlos­senen Gebäude ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ternen Wärme­ver­teil­systems durch­ge­führt wird. Auch ein Arbeits­preis, der von der Rück­lauf­tem­pe­ratur abhängig ist, ist ein Anreiz für den Gebäu­de­be­sitzer, dafür zu sorgen, dass das vom Wärme­ver­sorger gelie­ferte heiße Wasser in seinen Heiz­körpern möglichst stark abgekühlt wird. Am ungüns­tigsten ist es, wenn ein Heiz­körper voll aufge­dreht wird, sodass das oben eintre­tende Heizungs­wasser den Heiz­körper sehr rasch durch­fließt und ihn dann praktisch ohne Abkühlung unten wieder verlässt. Eine gute Abkühlung des gelie­ferten Heizungs­wassers hat auch zur Folge, dass ein gerin­gerer Rohr­quer­schnitt für die Fern­wär­me­lei­tungen erfor­derlich ist. Wenn eine gute Abkühlung prognos­ti­ziert werden kann, können die Fern­wär­me­lei­tungen von Anfang an kleiner ausgelegt werden, was zu gerin­geren Wärme­ver­lusten führt. In Deutschland sind die Stadt­werke Gießen ein Beispiel, wo Maßnahmen zur Absenkung der Rück­lauf­tem­pe­ratur erfolg­reich waren.

Die Unter­schiede am Markt bei der Wärme­leit­fä­higkeit des die Wärme­lei­tungen umhül­lenden Dämm­ma­te­rials sind nicht sehr groß. Unter­schiede gibt es aller­dings bezüglich des Alte­rungs­ver­haltens des Dämm­ma­te­rials (langsames Heraus­dif­fun­dieren des Isolier­gases, mit welchem das Dämm­ma­terial aufge­schäumt wurde).

Welche Art der Ener­gie­er­zeugung ist Ihrer Meinung nach ideal, um ein Wärmenetz zu bedienen?

  • Geothermie, soweit kosten­günstig verfügbar (also derzeit nur im Molas­se­becken rund um München)
    Zukünftig Solar­thermie nach dänischen Beispiel. Das wäre im Prinzip überall möglich. Bei den jüngeren dänischen Projekten (Vojens) wird solare Wärme für nur 42 €/​MWh bereit­ge­stellt. Darin ist bereits ein saiso­naler Wärme­speicher enthalten. Wird Förderung berück­sichtigt, liegen die Kosten sogar noch geringer.
  • Wärme­aus­kopplung aus Gaskraft­werken oder gasmo­to­ri­schen BHKW. (Die Wärme­aus­kopplung aus Kohle­kraft­werken wird von mir nicht empfohlen. Die Strom­erzeugung aus Kohle­kraft­werke sollte aus Gründen des Klima­schutzes möglichst rasch reduziert werden. Wärme­netze sollten nicht dazu miss­braucht werden, um die Nutzung von klima­schäd­licher Kohle zu verlängern)
  • Nutzung von Biomasse-​KWK. Dabei ist aller­dings das knappe Angebot an national verfüg­barer Biomasse und etwaige Nutzungs­kon­kur­renzen (z.B. bei Biotreib­stoffen oder der stoff­lichen Nutzung) zu berücksichtigen
  • Nutzung von fester Biomasse in Heiz­kesseln, aber nur in Verbindung mit Solar­thermie. Letztere kann dann zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Grenzen des lokal verfüg­baren Biomas­se­po­ten­zials bemerkbar machen, weiter ausgebaut werden.
  • Nutzung von Groß­wär­me­pumpen soweit eine günstige Wärme­quelle zur Verfügung steht und das Wärmenetz keine hohen Vorlauf­tem­pe­ra­turen benötigt. Diese Option wird zunehmend inter­es­santer, je mehr erneu­er­barer Strom, insbe­sondere Windstrom, ins öffent­liche Netz einge­speist wird.

Können Sie eine kurze Einschätzung zu Dänemark geben und ob eine Entwicklung wie dort hier überhaupt möglich wäre?

Technisch gesehen ist das, was in Dänemark möglich ist, natürlich auch in Deutschland möglich. Dänemark ist sogar weniger dicht besiedelt als Deutschland, was sich in gerin­geren Sied­lungs­dichten und, daraus folgend, gerin­geren Wärme­be­le­gungs­dichten bemerkbar macht. Trotzdem sind 62% der dänischen Wohnungen an die Fernwärme ange­schlossen. Tendenz zunehmend. Es werden jetzt auch bisher mit Gas versorgte Gebiete auf Fernwärme umge­stellt (da es in DK eigentlich einen Gebiets­schutz gibt, bekommt der Gasver­sorger, dem der Kunde wegge­nommen wird, dafür vom Fern­wär­me­ver­sorger eine finan­zielle Kompen­sation). Diese Akti­vi­täten sind kompa­tibel mit dem dänischen Ziel, schon bis zum Jahr 2035 die gesamte Wärme- und Strom­ver­sorgung auf erneu­erbare Energien umzustellen.

Der wich­tigste Unter­schied zu Deutschland ist, dass in Dänemark Dänen wohnen. Diese arbeiten tradi­tionell besser zusammen. Es werden der Konsens und die Gemein­schaft gesucht. In der Politik macht sich diese dadurch bemerkbar, dass sich die dänischen Parteien häufig auf einen Regie­rungschef einigen, der noch nicht einmal von der Partei ist, die die meisten Stimmen auf sich verei­nigen konnte. Bei der Ener­gie­po­litik ist dies daran erkennbar, dass es einen partei­über­grei­fenden Konsens über die Zukunft der Ener­gie­ver­sorgung gibt. Eine neue Zusam­men­setzung des Parla­ments hat daher keinen Einfluss auf die Ener­gie­po­litik. Auf Konsens und Lang­fris­tigkeit ange­wiesene Versor­gungs­op­tionen wie die Fernwärme profi­tieren davon. Technisch machte sich die dänische Bereit­schaft zur Zusam­men­arbeit z.B. dadurch bemerkbar, dass schon in den 50er Jahren im länd­lichen Raum eine größere Anzahl von Fern­wär­me­un­ter­nehmen gegründet wurde. In späteren Jahren wurden die Dänen Vorreiter bei großen Biogasgemeinschaftsanlagen.

Auch in Dänemark hat es viele Jahr­zehnte gedauert, bis die Fernwärme die heutige Bedeutung erlangt hat. Viel schneller kann es auch in Deutschland nicht gehen. Deutschland hat heute mit zusätz­lichen Problemen beim Ausbau von Fern- und Nahwärme zu kämpfen, da in der Vergan­genheit günstige Gele­gen­heiten versäumt wurden. Der Ausbau der dänischen Fernwärme wurde zu guten Teilen durch die wirt­schaft­lichen Vorteile der KWK finan­ziert. Die einge­setzten Brenn­stoffe Gas und Kohle waren billig und der verkaufte Strom teuer. Bei den heutigen geringen Strom­kosten kann die KWK finan­ziell kaum mehr zum Ausbau der Fernwärme beitragen. Auch herrscht in Deutschland im Heizungs­markt ein Verdrän­gungs­wett­bewerb, den es in Dänemark so nie gab. In den50er Jahren war ohnehin eine Umstellung von den damalig domi­nie­renden Fest­stoff­feue­rungen auf komfor­ta­blere Heizungs­systeme erfor­derlich. Und seit 1979 gibt es in Dänemark ein Wärme­gesetz, welches den Kommunen die Erstellung von lang­fristig orien­tierten Wärme­plänen vorschrieb – sehr zum Nutzen der Fernwärme.

Und nun meine kurze Einschätzung: Ja, lang­fristig halte ich auch in Deutschland eine Entwicklung wie in Dänemark für möglich. Der erste Schritt hierzu wäre, dass auch hier­zu­lande – so wie in Dänemark seit langem – es die Kommunen als ihre Aufgabe sehen, die Wärme­ver­sorgung ihrer Bürger lang­fristig zu sichern und zwar auf der Basis von erneu­er­baren Energien. Und damit Schwung in die Sache kommt, wären diese Wärme­pläne so zu struk­tu­rieren, dass sie

  1. Mit den Wärme­plänen der Nach­bar­kommune leicht vergleichbar sind (Wett­bewerb)
  2. Sich die Beiträge der einzelnen Kommune zum Klima­schutz leicht aufad­dieren lassen, sodass sich eine Summe ergibt, aus der sich der Gesamt­beitrag Deutsch­lands zum Klima­schutz ergibt (z.B. müsste durch die Struk­tu­rierung die Gefahr von Doppel­zäh­lungen vermieden werden)
  3. Die Möglich­keiten, die zur Nutzung erneu­er­barer Energien auf dem Gebiet der Gemeinde vorhanden sind, so aufzeigen, dass sich erkennen lässt, welcher Beitrag zum Klima­schutz von jeder Gemeinde realis­tisch erwartet werden kann (Gerech­tigkeit und die Möglichkeit, nationale Ziele auf die Gemein­de­ebene herunterzubrechen).

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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