Erneu­er­bare Ener­gien sind die Zukunft der Wär­me­netze

Blockheizkraftwerk für ein Wärmenetz. Foto: E.ON
Blockheizkraftwerke von 1 bis 50 MW müssen in Zukunft an Ausschreibungen teilnehmen, wenn sie gefördert werden wollen. Foto: E.ON

EnWiPo führte mit Michael Nast vom Stutt­gar­ter Insti­tut für Tech­ni­sche Ther­mo­dy­na­mik des Deut­schen Zen­trums für Luft‐ und Raum­fahrt ein Inter­view zu den Vor‐ und Nach­tei­len sowie der Zukunfts­fä­hig­keit von Wär­me­net­zen.


Welche grund­sätz­li­chen Vor‐ und Nach­teile sehen Sie in Nah‐ und Fern­wär­me­net­zen?

Vor­teile gibt es fol­gende:

  • kos­ten­güns­tige Groß­an­la­gen werden bei solarer Wärme und Geo­ther­mie möglich
  • kos­ten­güns­tige sai­so­nale Spei­cher werden möglich
  • Wärme aus Biogas‐BHKW kann genutzt werden, für die es sonst im Bau­ern­hof neben der Bio­gas­an­lage keine Ver­wen­dung gäbe
  • Biomasse‐KWK mit fester Bio­masse wird möglich. In klei­ne­ren Anlagen lässt sich feste Bio­masse wegen tech­ni­scher Pro­bleme nur zur Wär­me­er­zeu­gung nutzen.
  • Kos­ten­güns­ti­ger Brenn­stoff und saubere Abgase bei Holz‐ und Stroh­ver­bren­nung werden möglich. Erst bei grö­ße­ren Feue­rungs­an­la­gen werden Abgas­rei­ni­gungs­an­la­gen wirt­schaft­lich ver­tret­bar. Dann können auch bil­li­gere Brenn­stoffe wie ver­eiste Rinde oder Stroh, die ohne Abgas­rei­ni­gung zu hohe Emis­sio­nen ver­ur­sa­chen würden, genutzt werden.
  • höherer elek­tri­scher Wir­kungs­grad bei grö­ße­ren, auch fossil befeu­er­ten KWK‐Anlagen. Der Wert von elek­tri­scher Energie ist viel höher als der von Wärme – z.B. weil 1 kWh Strom mit Hilfe eines bil­li­gen Tauch­sie­ders direkt in 1 kWh Wärme umge­wan­delt werden kann, umge­kehrt aber Wärme nur mit teuren Analgen und hohen Ver­lus­ten in Strom ver­wan­delt werden kann.
  • Indus­tri­elle Abwärme, die bisher weg­ge­kühlt wurde, kann genutzt werden.
  • Wärme aus Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen wird nutzbar
  • Große Wär­me­pum­pen können güns­tige (Ab-)Wärmequellen nutzen
  • Elek­tro­hei­zer mit Wär­me­spei­chern können jeder­zeit Über­schuss­strom aus EE nutzen. Die Wär­me­spei­cher der Fern­wär­me­un­ter­neh­men können sehr viel Wärme (und damit auch sehr viel Strom) auf­neh­men, die dann zu einem spä­te­ren Zeit­punkt genutzt werden kann. Da die großen Fern­wär­me­spei­cher nur sehr langsam aus­küh­len, kann diese Nutzung auch noch Wochen später erfol­gen.
  • Fle­xi­bi­li­tät bei der Wahl von Technik und Brenn­stoff. Es ist viel teurer in 1000 Gebäu­den die Wär­me­er­zeu­ger zu erset­zen als der Aus­tausch eines Wär­me­er­zeu­gers in einer Heiz­zen­trale, aus welcher 1000 Gebäude ver­sorgt werden.

Nach­teile siehe ich hier:

  • Wär­me­ver­luste!  Nur dort anwen­den, wo die Vor­teile die Nach­teile der Wär­me­ver­luste über­wie­gen. Die Wär­me­ver­luste lassen sich durch ver­schie­den Maß­nah­men ver­rin­gern. Dazu gehören:
    • Die Nutzung von Wär­me­lei­tun­gen mit ver­stärk­ter Wär­me­däm­mung. Die Absen­kung der Netz­tem­pe­ra­tu­ren. Schon ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ter­nen Wär­me­ver­tei­lungs­sys­tems der an das Wär­me­netz ange­schlos­se­nen Gebäude führt zu einer Abnahme der Rück­lauf­tem­pe­ra­tu­ren des Wär­me­net­zes.
    • Orga­ni­sa­to­ri­sches Problem: Kol­lek­tive Ent­schei­dun­gen sind erfor­der­lich, da eine Nah­wär­me­ver­sor­gung nur dann wirt­schaft­lich betrie­ben werden kann, wenn gleich zu Beginn des Betriebs die Anschluss­dichte genü­gend hoch ist. Dies ist gra­vie­rend, da bei den kon­kur­rie­ren­den Behei­zungs­ar­ten wie Ölkes­sel, Pel­let­kes­sel oder Wär­me­pum­pen nur eine indi­vi­du­elle Ent­schei­dung, die unab­hän­gig von den Ent­schei­dun­gen der Nach­barn erfol­gen kann, erfor­der­lich ist.
    • Pro­ble­ma­tik in den Gebie­ten Deutsch­lands, in denen ein Bevöl­ke­rungs­schwund zu ver­zeich­nen ist, welcher mit einem zuneh­men­den Leer­stand von Woh­nun­gen und Gebäu­den ein­her­geht. Diese Pro­ble­ma­tik ist nicht fern­wär­me­spe­zi­fisch, da sie alle Arten von Infra­struk­tur­maß­nah­men betrifft.

Wo sehen Sie den zukünf­ti­gen Platz von Wär­me­net­zen bei immer effi­zi­en­te­ren Gebäu­den?

In Alt­bau­ge­bie­ten erfol­gen die Fort­schritte bei der Wär­me­däm­mung nur langsam – deut­lich lang­sa­mer als dies gemäß dem Ener­gie­kon­zept der Bun­des­re­gie­rung erfor­der­lich wäre. Bis zum Jahr 2020 wird von der Bun­des­re­gie­rung eine Min­de­rung des Wär­me­be­darfs in Wohn­ge­bäu­den um 20% (gegen­über 2008) ange­strebt. Erreicht werden bis dahin wohl nur ca. 8%. Dazu passt die Beob­ach­tung in den Nah­wär­me­net­zen, die in den letzten Jahren errich­tet wurden, dass die Min­de­rung des Wär­me­be­darfs in den bereits ange­schlos­se­nen Gebäu­den durch den Neu­an­schluss von wei­te­ren Gebäu­den häufig über­kom­pen­siert werden konnte. Natür­lich nimmt die Wirt­schaft­lich­keit aller Ver­teil­netze (Strom, Gas, Wärme) ab, wenn weniger Energie ver­teilt wird. Aber der Effekt der ver­bes­ser­ten Wär­me­däm­mung auf die Wirt­schaft­lich­keit von Fern‐ oder Nah­wär­me­net­zen wird nach meiner Ansicht deut­lich über­schätzt. Dies belegen auch die Akti­vi­tä­ten in unserem Nach­bar­land Däne­mark, wo inzwi­schen auch bereits mit Gas ver­sorgte Gebiet für die Fern­wärme erschlos­sen werden, obwohl die Wär­me­dämm­vor­schrif­ten in Däne­mark ähnlich streng wie die deut­schen sind. Gebiete, die heute inter­es­sant für die Ver­sor­gung aus Wär­me­net­zen sind, werden dies daher auch in der Zukunft noch sein.

Welche grund­sätz­li­chen Ent­schei­dungs­kri­te­rien legen Sie zugrunde, um die Wirt­schaft­lich­keit eines Wär­me­net­zes für ein Neu­bau­ge­biet ein­zu­schät­zen?

Michael Nast. Foto: privat
Michael Nast. Foto: privat

Vorweg eine Anmer­kung zu der Bedeu­tung von Neu­bau­ten im Ver­gleich zu Alt­bau­ten bezüg­lich des Kli­ma­schut­zes. Im Ver­gleich zu den Alt­bau­ten aus der Zeit vor 1980 (und das ist der bei weitem über­wie­gende Anteil des gesam­ten heu­ti­gen Gebäu­de­be­stands) ver­fü­gen die Neu­bau­ten über eine her­vor­ra­gende Wär­me­däm­mung. Auch im Jahr 2050 wird der größte Teil des zukünf­ti­gen Wär­me­be­darfs noch in solchen Gebäu­den anfal­len, die vor 1980 errich­tet wurden. Mit welcher Heiz­tech­nik der noch ver­blei­bende geringe Wär­me­be­darf der Neu­bau­ten, die gemäß der EnEV 2016 errich­tet werden, gedeckt wird, ist aus Sicht des Kli­ma­schut­zes nur noch wenig rele­vant. Nun zur Frage: In der Tat sehe auch ich bei Neu­bau­ge­bie­ten die Wirt­schaft­lich­keit als das ent­schei­dende Kri­te­rium bei der Auswahl eines Hei­zungs­sys­tems an – für den Kli­ma­schutz ist schon durch die Erfül­lung der EnEV hin­rei­chend gesorgt. Nah­wärme kann dabei trotz­dem durch­aus die wirt­schaft­lichste Lösung sein, da eine Wärme‐Übergabestation deut­lich bil­li­ger ist als ein Kessel gleich welcher Bauart oder eine Wär­me­pumpe. Abzu­wä­gen ist dieser Vorteil gegen­über den Zusatz­kos­ten, die durch das Wär­me­netz und die Heiz­zen­trale ent­ste­hen. Je dichter die Gebäude anein­an­der­ste­hen, desto kürzer (und damit bil­li­ger) wird das erfor­der­li­che Wär­me­netz. Der güns­tigste Fall ergibt sich, wenn es sich um Rei­hen­haus­sied­lun­gen handelt und die Wär­me­lei­tun­gen kos­ten­güns­tig durch die Keller der Gebäude verlegt werden können. Auch möchte ich darauf hin­wei­sen, dass bei Neu­bau­ge­bie­ten die Netz­tem­pe­ra­tu­ren sehr gering sein können, da die Hei­zungs­sys­teme der neu errich­te­ten Gebäude mit sehr gerin­gen Zusatz­kos­ten so aus­ge­legt werden können, dass nur geringe Vor­lauf­tem­pe­ra­tu­ren benö­tigt werden. Das käme z.B. der Ver­sor­gung aus einer in der Heiz­zen­trale instal­lier­ten, großen Wär­me­pumpe sehr ent­ge­gen. Die Details der Wirt­schaft­lich­keits­be­rech­nung müssen wohl dem Bau­trä­ger über­las­sen bleiben. Mir ist jeden­falls keine Faust­re­gel bekannt, nach der sich die Wirt­schaft­lich­keit der Nah­wär­me­ver­sor­gung eines Neu­bau­ge­bie­tes ein­schät­zen lässt.

Welche davon abwei­chen­den Über­le­gun­gen gelten für Bestands­ge­biete?

In Alt­bau­ge­bie­ten ist die Tras­sen­länge je Haus­an­schluss sehr viel größer als in Neu­bau­ge­bie­ten (wenn man mal von den extrem engen mit­tel­al­ter­li­chen Bebau­un­gen in den his­to­ri­schen Kernen einiger Klein­städte absieht). Auch die Netz­tem­pe­ra­tu­ren sind dort höher. Dem ent­spre­chend müssen sowohl den Netz­kos­ten als auch den Netz­ver­lus­ten eine höhere Bedeu­tung als bei Neu­ge­bie­ten bei­gemes­sen werden. Ein guter Richt­wert für die Wär­me­be­le­gungs­dichte (das ist die von den Gebäu­den durch­schnitt­lich abge­nom­mene Jah­res­wär­me­menge geteilt durch die Tras­sen­länge des Wär­me­net­zes inkl. Haus­an­schluss­lei­tun­gen), die min­des­tens erreicht werden sollte, sind 500 kWh/(m*a). Wie Mes­sun­gen an Bio­en­er­gie­dör­fern in Baden‐Württemberg zeigen, sind bei dieser Wär­me­be­le­gungs­dicht noch Wär­me­ver­luste von unter 20% möglich (in Ein­zel­fäl­len sogar nur 12%). Auch die meisten Wär­me­netze in Däne­mark weisen Wär­me­be­le­gungs­dich­ten von über 500 kWh/(m*a) auf. Wie hoch die akzep­ta­blen Ver­luste eines Wär­me­net­zes aus Sicht des Kli­ma­schut­zes sein dürfen, hängt von der Wär­me­quelle ab. Bei einem Biogas‐BHKW oder indus­tri­el­ler Abwärme, die ohne Nah­wär­me­netz hätte weg­ge­kühlt werden müssen, gibt es dafür keine Ober­grenze. Steht dagegen nur ein Gas­heiz­kes­sel in der Heiz­zen­trale, wäre in fast allen Fällen dem Klima besser gedient, wenn statt des zen­tra­len Gas­kes­sels viel klei­nere Zen­tral­hei­zungs­kes­sel aus einem Gasnetz ver­sorgt werden.

Für die Wirt­schaft­lich­keit sind die Kosten für die Ver­le­gung des Wär­me­net­zes ent­schei­dend. Pro Meter verlegt Trasse können diese Kosten je nach den ört­li­chen Gege­ben­hei­ten sehr unter­schied­lich sein. Aus den Sta­tis­ti­ken für das Markt­an­reiz­pro­gramm (MAP), über welches die Instal­la­tion von jähr­lich etwa 1.000 km Wär­me­netz geför­dert wird, ergeben sich Kosten, die im Mittel deut­lich unter. 200 € je Meter Trasse liegen. Klei­nere Netze, bei denen ein grö­ße­rer Anteil in unbe­fes­tig­tem Gelände verlegt worden sein dürfte, waren dabei beson­ders günstig. Diese ver­gleichs­weise gerin­gen Kosten sind dadurch erklär­bar, dass sich viele der vom MAP geför­der­ten Netze im länd­li­chen Raum befin­den, wo es bei der Lei­tungs­ver­le­gung wenig (Platz-)Probleme mit sons­ti­gen erd­ver­leg­ten Lei­tun­gen (Tele­kom­mu­ni­ka­tion, Wasser, Abwas­ser) gibt und häufig auch kos­ten­güns­tig im unbe­fes­tig­ten Bereich außer­halb der geteer­ten Straßen verlegt werden kann. Im städ­ti­schen Bereich können die Kosten ein Viel­fa­ches betra­gen. So geht gibt der von der baye­ri­schen Lan­des­re­gie­rung her­aus­ge­ge­bene „Leit­fa­den Ener­gie­nut­zungs­plan“ einen Richt­wert von 800 €/m an. Dieser dürfte in München und seinen Vor­or­ten ein durch­aus typi­scher Wert sein. Um die Wirt­schaft­lich­keit eines Nah­wär­me­pro­jek­tes zu beur­tei­len, ist es ange­sichts der großen Kos­ten­span­nen daher auch im Alt­bau­be­stand unab­ding­bar, sich die Ver­hält­nisse vor Ort anzu­se­hen.

Natür­lich sind auch die Brenn­stoff­kos­ten für die Wirt­schaft­lich­keits­rech­nung von Bedeu­tung. Diese können bei Wär­me­net­zen sehr günstig sein. Die von dem BHKW einer Bio­gas­an­lage erzeugte Wärme wird meist kos­ten­frei abge­ge­ben (dafür bezieht der Biogas‐Landwirt eine höhere EEG‐Vergütung für seinen ins öffent­li­che Strom­netz ein­ge­speis­ten Bio­gas­strom). Auch die Nutzung von indus­tri­el­ler Abwärme kann sehr kos­ten­güns­tig sein.

Welche wohn­flä­chen­be­zo­ge­nen Ver­teil­netz­ver­luste dürfen Ihre Meinung nach maximal auf­tre­ten, damit sich ein Anschluss für ein Neu­bau­ge­biet rechnen kann?

Neu­bau­ten haben nur noch einen sehr gerin­gen Wär­me­be­darf. Die ent­schei­den­den Kosten für die Behei­zung eines Neubaus sind daher die Instal­la­ti­ons­kos­ten für den Wär­me­er­zeu­ger. Die Brenn­stoff­kos­ten spielen dagegen nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Dies gilt auch für die Wär­me­ver­luste der Netze in den fast immer dicht bebau­ten Neu­bau­ge­bie­ten. Diese Ver­luste sind ohnehin gering, da sowohl die Lei­tungs­län­gen gering sind (bezogen auf die Anzahl der ange­schlos­se­nen Gebäude) als auch die Netz­tem­pe­ra­tu­ren.

Gelten für den Bestand hier andere Werte?

Wie schon aus­ge­führt, sollte die Wär­me­be­le­gungs­dichte nicht unter 500 kWh/(m*a) sinken. Dabei ist allein ent­schei­dend, wieviel Wärme die ange­schlos­se­nen Gebäude jähr­lich benö­ti­gen. Solange die ins­ge­samt abge­nom­mene Wärme gleich bleibt, ist es egal, ob kleine Gebäude mit einem hohen spe­zi­fi­schen Wär­me­be­darf (in kWh/m² jähr­lich) oder große Gebäude mit einem gerin­gen spe­zi­fi­schen Wär­me­be­darf ange­schlos­sen sind. Die wohn­flä­chen­be­zo­ge­nen Ver­teil­netz­ver­luste sind daher kein guter Indi­ka­tor für die Wirt­schaft­lich­keit eines Wär­me­an­schlus­ses.

Wie lassen sich Netz­ver­luste mini­mie­ren, etwa im Ver­gleich in Bezug auf kWh/a je Meter Tras­sen­länge?

Die wich­tigs­ten Mög­lich­kei­ten zur Mini­mie­rung der Netz­ver­luste sind:

  • Ver­stär­kung der Wär­me­däm­mung der Lei­tun­gen. Am Markt werden eine ein­fa­che und eine zwei­fa­che Ver­stär­kung ange­bo­ten
  • Vor‐ und Rück­lauf­lei­tung gemein­sam inner­halb eines (dicke­ren) Rohres ver­le­gen (sog. Twin‐ oder Duo‐Rohre)
  • Netz­tem­pe­ra­tu­ren absen­ken
  • Mög­lichst kleine Rohr­durch­mes­ser wählen.

Die Netz­ver­luste können hal­biert werden, wenn anstelle von einer nor­ma­len Leitung ein Duo‐Rohr mit zwei­fa­cher Ver­stär­kung der Wär­me­däm­mung gewählt wird. Die besser gedämm­ten Lei­tun­gen sind natür­lich etwas teurer. Wird nur nach engen Wirt­schaft­lich­keits­ge­sichts­punk­ten opti­miert, so muss nur geprüft werden, ob die Erspar­nis bei den Brenn­stoff­kos­ten, die aus der ver­bes­ser­ten Wär­me­däm­mung resul­tie­ren, aus­rei­chen, um die erhöh­ten Inves­ti­ti­ons­kos­ten zu amor­ti­sie­ren. Das beim Bau von Bio­en­er­gie­dör­fern in Baden‐Württemberg erfah­rendste Unter­neh­men (Solar­com­plex) ver­wen­det aus Gründen des Kli­ma­schut­zes nur noch zwei­fach ver­stärkte Duo­lei­tun­gen, und das obwohl es die Wärme meist sehr kos­ten­güns­tig aus Biogas‐BHKW oder aus indus­tri­el­ler Abwärme bezieht.

Je gerin­ger die Tem­pe­ra­tur­dif­fe­renz zwi­schen den Wär­me­lei­tun­gen und dem umge­ben­den Erd­reich ist, desto gerin­ger sind die Wär­me­ver­luste. Daher führt die Absen­kung der Netz­tem­pe­ra­tu­ren (= Mit­tel­wert aus Vor‐ und Rück­lauf­tem­pe­ra­tur) zu einer Min­de­rung der Wär­me­ver­luste. In Alt­bau­ge­bie­ten ist dies nur in Koope­ra­tion mit den Wär­me­kun­den möglich.
Die Vor­lauf­tem­pe­ra­tur des Netzes muss min­des­tens so hoch sein, dass auch noch das Gebäude mit dem schlech­tes­ten haus­in­ter­nen Wär­me­ver­teil­sys­tem im Winter noch warm wird. Der Fern­wär­me­ver­sor­ger kann den betref­fen­den Kunden gezielt beraten, wie für dieses Gebäude durch Ver­bes­se­run­gen an den Heiz­kör­pern oder an der Wär­me­däm­mung die erfor­der­li­che Vor­lauf­tem­pe­ra­tur abge­senkt werden kann.

Die Rück­lauf­tem­pe­ra­tu­ren können abge­senkt werden, indem in jedem der ange­schlos­se­nen Gebäude ein hydrau­li­scher Abgleich des haus­in­ter­nen Wär­me­ver­teil­sys­tems durch­ge­führt wird. Auch ein Arbeits­preis, der von der Rück­lauf­tem­pe­ra­tur abhän­gig ist, ist ein Anreiz für den Gebäu­de­be­sit­zer, dafür zu sorgen, dass das vom Wär­me­ver­sor­ger gelie­ferte heiße Wasser in seinen Heiz­kör­pern mög­lichst stark abge­kühlt wird. Am ungüns­tigs­ten ist es, wenn ein Heiz­kör­per voll auf­ge­dreht wird, sodass das oben ein­tre­tende Hei­zungs­was­ser den Heiz­kör­per sehr rasch durch­fließt und ihn dann prak­tisch ohne Abküh­lung unten wieder ver­lässt. Eine gute Abküh­lung des gelie­fer­ten Hei­zungs­was­sers hat auch zur Folge, dass ein gerin­ge­rer Rohr­quer­schnitt für die Fern­wär­me­lei­tun­gen erfor­der­lich ist. Wenn eine gute Abküh­lung pro­gnos­ti­ziert werden kann, können die Fern­wär­me­lei­tun­gen von Anfang an kleiner aus­ge­legt werden, was zu gerin­ge­ren Wär­me­ver­lus­ten führt. In Deutsch­land sind die Stadt­werke Gießen ein Bei­spiel, wo Maß­nah­men zur Absen­kung der Rück­lauf­tem­pe­ra­tur erfolg­reich waren.

Die Unter­schiede am Markt bei der Wär­me­leit­fä­hig­keit des die Wär­me­lei­tun­gen umhül­len­den Dämm­ma­te­ri­als sind nicht sehr groß. Unter­schiede gibt es aller­dings bezüg­lich des Alte­rungs­ver­hal­tens des Dämm­ma­te­ri­als (lang­sa­mes Her­aus­dif­fun­die­ren des Iso­lier­ga­ses, mit welchem das Dämm­ma­te­rial auf­ge­schäumt wurde).

Welche Art der Ener­gie­er­zeu­gung ist Ihrer Meinung nach ideal, um ein Wär­me­netz zu bedie­nen?

  • Geo­ther­mie, soweit kos­ten­güns­tig ver­füg­bar (also derzeit nur im Molas­se­be­cken rund um München)
    Zukünf­tig Solar­ther­mie nach däni­schen Bei­spiel. Das wäre im Prinzip überall möglich. Bei den jün­ge­ren däni­schen Pro­jek­ten (Vojens) wird solare Wärme für nur 42 €/MWh bereit­ge­stellt. Darin ist bereits ein sai­so­na­ler Wär­me­spei­cher ent­hal­ten. Wird För­de­rung berück­sich­tigt, liegen die Kosten sogar noch gerin­ger.
  • Wär­me­aus­kopp­lung aus Gas­kraft­wer­ken oder gas­mo­to­ri­schen BHKW. (Die Wär­me­aus­kopp­lung aus Koh­le­kraft­wer­ken wird von mir nicht emp­foh­len. Die Strom­erzeu­gung aus Koh­le­kraft­werke sollte aus Gründen des Kli­ma­schut­zes mög­lichst rasch redu­ziert werden. Wär­me­netze sollten nicht dazu miss­braucht werden, um die Nutzung von kli­ma­schäd­li­cher Kohle zu ver­län­gern)
  • Nutzung von Biomasse‐KWK. Dabei ist aller­dings das knappe Angebot an natio­nal ver­füg­ba­rer Bio­masse und etwaige Nut­zungs­kon­kur­ren­zen (z.B. bei Bio­treib­stof­fen oder der stoff­li­chen Nutzung) zu berück­sich­ti­gen
  • Nutzung von fester Bio­masse in Heiz­kes­seln, aber nur in Ver­bin­dung mit Solar­ther­mie. Letz­tere kann dann zu einem spä­te­ren Zeit­punkt, wenn sich die Grenzen des lokal ver­füg­ba­ren Bio­mas­se­po­ten­zi­als bemerk­bar machen, weiter aus­ge­baut werden.
  • Nutzung von Groß­wär­me­pum­pen soweit eine güns­tige Wär­me­quelle zur Ver­fü­gung steht und das Wär­me­netz keine hohen Vor­lauf­tem­pe­ra­tu­ren benö­tigt. Diese Option wird zuneh­mend inter­es­san­ter, je mehr erneu­er­ba­rer Strom, ins­be­son­dere Wind­strom, ins öffent­li­che Netz ein­ge­speist wird.

Können Sie eine kurze Ein­schät­zung zu Däne­mark geben und ob eine Ent­wick­lung wie dort hier über­haupt möglich wäre?

Tech­nisch gesehen ist das, was in Däne­mark möglich ist, natür­lich auch in Deutsch­land möglich. Däne­mark ist sogar weniger dicht besie­delt als Deutsch­land, was sich in gerin­ge­ren Sied­lungs­dich­ten und, daraus folgend, gerin­ge­ren Wär­me­be­le­gungs­dich­ten bemerk­bar macht. Trotz­dem sind 62% der däni­schen Woh­nun­gen an die Fern­wärme ange­schlos­sen. Tendenz zuneh­mend. Es werden jetzt auch bisher mit Gas ver­sorgte Gebiete auf Fern­wärme umge­stellt (da es in DK eigent­lich einen Gebiets­schutz gibt, bekommt der Gas­ver­sor­ger, dem der Kunde weg­ge­nom­men wird, dafür vom Fern­wär­me­ver­sor­ger eine finan­zi­elle Kom­pen­sa­tion). Diese Akti­vi­tä­ten sind kom­pa­ti­bel mit dem däni­schen Ziel, schon bis zum Jahr 2035 die gesamte Wärme‐ und Strom­ver­sor­gung auf erneu­er­bare Ener­gien umzu­stel­len.

Der wich­tigste Unter­schied zu Deutsch­land ist, dass in Däne­mark Dänen wohnen. Diese arbei­ten tra­di­tio­nell besser zusam­men. Es werden der Konsens und die Gemein­schaft gesucht. In der Politik macht sich diese dadurch bemerk­bar, dass sich die däni­schen Par­teien häufig auf einen Regie­rungs­chef einigen, der noch nicht einmal von der Partei ist, die die meisten Stimmen auf sich ver­ei­ni­gen konnte. Bei der Ener­gie­po­li­tik ist dies daran erkenn­bar, dass es einen par­tei­über­grei­fen­den Konsens über die Zukunft der Ener­gie­ver­sor­gung gibt. Eine neue Zusam­men­set­zung des Par­la­ments hat daher keinen Ein­fluss auf die Ener­gie­po­li­tik. Auf Konsens und Lang­fris­tig­keit ange­wie­sene Ver­sor­gungs­op­tio­nen wie die Fern­wärme pro­fi­tie­ren davon. Tech­nisch machte sich die däni­sche Bereit­schaft zur Zusam­men­ar­beit z.B. dadurch bemerk­bar, dass schon in den 50er Jahren im länd­li­chen Raum eine größere Anzahl von Fern­wär­me­un­ter­neh­men gegrün­det wurde. In spä­te­ren Jahren wurden die Dänen Vor­rei­ter bei großen Bio­gas­ge­mein­schafts­an­la­gen.

Auch in Däne­mark hat es viele Jahr­zehnte gedau­ert, bis die Fern­wärme die heutige Bedeu­tung erlangt hat. Viel schnel­ler kann es auch in Deutsch­land nicht gehen. Deutsch­land hat heute mit zusätz­li­chen Pro­ble­men beim Ausbau von Fern‐ und Nah­wärme zu kämpfen, da in der Ver­gan­gen­heit güns­tige Gele­gen­hei­ten ver­säumt wurden. Der Ausbau der däni­schen Fern­wärme wurde zu guten Teilen durch die wirt­schaft­li­chen Vor­teile der KWK finan­ziert. Die ein­ge­setz­ten Brenn­stoffe Gas und Kohle waren billig und der ver­kaufte Strom teuer. Bei den heu­ti­gen gerin­gen Strom­kos­ten kann die KWK finan­zi­ell kaum mehr zum Ausbau der Fern­wärme bei­tra­gen. Auch herrscht in Deutsch­land im Hei­zungs­markt ein Ver­drän­gungs­wett­be­werb, den es in Däne­mark so nie gab. In den50er Jahren war ohnehin eine Umstel­lung von den damalig domi­nie­ren­den Fest­stoff­feue­run­gen auf kom­for­ta­blere Hei­zungs­sys­teme erfor­der­lich. Und seit 1979 gibt es in Däne­mark ein Wär­me­ge­setz, welches den Kom­mu­nen die Erstel­lung von lang­fris­tig ori­en­tier­ten Wär­me­plä­nen vor­schrieb – sehr zum Nutzen der Fern­wärme.

Und nun meine kurze Ein­schät­zung: Ja, lang­fris­tig halte ich auch in Deutsch­land eine Ent­wick­lung wie in Däne­mark für möglich. Der erste Schritt hierzu wäre, dass auch hier­zu­lande — so wie in Däne­mark seit langem — es die Kom­mu­nen als ihre Aufgabe sehen, die Wär­me­ver­sor­gung ihrer Bürger lang­fris­tig zu sichern und zwar auf der Basis von erneu­er­ba­ren Ener­gien. Und damit Schwung in die Sache kommt, wären diese Wär­me­pläne so zu struk­tu­rie­ren, dass sie

  1. Mit den Wär­me­plä­nen der Nach­bar­kom­mune leicht ver­gleich­bar sind (Wett­be­werb)
  2. Sich die Bei­träge der ein­zel­nen Kommune zum Kli­ma­schutz leicht auf­ad­die­ren lassen, sodass sich eine Summe ergibt, aus der sich der Gesamt­bei­trag Deutsch­lands zum Kli­ma­schutz ergibt (z.B. müsste durch die Struk­tu­rie­rung die Gefahr von Dop­pel­zäh­lun­gen ver­mie­den werden)
  3. Die Mög­lich­kei­ten, die zur Nutzung erneu­er­ba­rer Ener­gien auf dem Gebiet der Gemeinde vor­han­den sind, so auf­zei­gen, dass sich erken­nen lässt, welcher Beitrag zum Kli­ma­schutz von jeder Gemeinde rea­lis­tisch erwar­tet werden kann (Gerech­tig­keit und die Mög­lich­keit, natio­nale Ziele auf die Gemein­de­ebene her­un­ter­zu­bre­chen).