Wird häufiger verwechselt als man denkt: Zapfpistolen von Diesel- und Ottokraftstoff. Foto: Urbansky

Das bisschen Benzin im Diesel schadet nichts. Oder?

von | 10. Mai 2017

Urlaubszeit – Archivzeit

Wenn der Diesel im Winter stottert, denkt mancher wehmütig an alte Zeiten zurück: Einen Schuss Benzin in den Tank und weiter geht’s! Moderne Hoch­leis­tungs­mo­toren spielen da jedoch nicht mit. Umgekehrt gilt das Gleiche. Doch wie gefährlich eine Vermi­schung von Benzin und Diesel tatsächlich?

Die Situation ist vielen Tank­warten wohl­be­kannt und kommt häufiger vor, als man vermutet: Ein Kunde (und es muss keine Kundin sein) merkt an der Zapfsäule, oder erst an der Kasse beim Bezahlen, dass er den falschen Sprit getankt hat. An dieser Stelle ist guter Rat noch nicht ganz so teuer (siehe unten). Böse wird es erst, wenn das Auto mit dem falschen Treib­stoff mehrere Kilometer unterwegs ist. Sofern das überhaupt geht.

Doch warum ist die Vermi­schung von Diesel und Benzin im Tank so verheerend? Früher war doch zumindest im Winter die geringe Beimi­schung von Benzin ein probates Mittel, um seinen Diesel am Laufen zu halten.

Oktan gegen Cetan

Entscheidend für die drohenden Schäden sind die unter­schied­lichen Verbrennungs-​Eigenschaften. Deswegen ein kurzer Exkurs in die Zusam­men­setzung der beiden Kraftstoffsorten.

Bei Benzin dreht sich alles um die Oktan-​Zahl, beim Diesel um deren Pendant Cetan. Ihren Namen haben sie von den Kohlen­was­ser­stoff­ver­bin­dungen, die im jewei­ligen Kraft­stoff vorherr­schen (mindestens acht Kohlen­stoff­atome je Molekül für Oktan, sechzehn für Cetan). Sie geben beim Diesel­kraft­stoff die Zünd­wil­ligkeit an. Zudem beschreiben sie die Klopf­fes­tigkeit bei Otto­kraft­stoffen. Je höher diese ist, umso weniger unkon­trol­lierte Zünd­vor­gänge gibt es.

Für Diesel ist laut DIN-​Norm 590 mindestens eine Cetanzahl von 51 vorge­schrieben. Diese Zahl definiert den Anteil von Cetan­ver­bin­dungen im Diesel­ge­misch in Volu­men­pro­zenten). Fällt der Cetan­anteil höher aus, verringert sich der Zünd­verzug, also die Zeit zwischen dem Beginn der Einspritzung und der Zündung. High-​Performance-​Diesel werden aus diesem Zweck addi­ti­viert und erreichen bis 56 Cetan. Deutsche Moto­ren­her­steller streben sogar 58 Cetan an. Eine Vermi­schung mit Benzin würde diese so mühsam erreichten Effekte komplett neutra­li­sieren, bei normalem Diesel sogar für Fehl­ver­bren­nungen, Leis­tungs­abfall und Mehr­ver­brauch sorgen.

Gleiches gilt für Otto­kraft­stoff. Hier ist schon an den Kraft­stoff­sorten entspre­chend der DIN-​Norm 228 die Oktanzahl zu erkennen. 91er Benzin ist die kaum noch gehan­delte Normal­va­riante, 95er entspricht E10 und dem normalen Super, hinter dem sich ein E5 verbirgt. Dabei sorgt allein schon der Etha­nol­anteil für eine höhere Oktanzahl. Die wiederum gleicht den durch die geringere Ener­gie­dichte bedingten Mehr­ver­brauch durch bessere Verbren­nungs­ei­gen­schaften teilweise aus. Und 98er ist Superplus. …

Je höher Cetan- und Oktan­anteil, umso besser, sprich leis­tungs­fä­higer sind Treib­stoff und Motor. Werden Diesel und Benzin vermischt, bewirken sie beim Gegenüber das Gegenteil, sprich: Diesel setzt die Oktanzahl im Benzin herab und Benzin im Diesel senkt dessen Cetanzahl. 

Kann schon bei geringen Anteilen an Ottokraftstoff Schaden nehmen: Common-Rail-Dieselpumpe. Foto: Stahlkocher / Wikimedia

Kann schon bei geringen Anteilen an Otto­kraft­stoff Schaden nehmen: Common-​Rail-​Dieselpumpe. Foto: Stahl­kocher /​Wikimedia

Bei einer Vermi­schung direkt an der Zapfsäule werden in der Regel sehr hohe Anteile am falschen Kraft­stoff erreicht. Sollte ein Anfahren glücken, drohen schwerste Motor­schäden. Bei Diesel­fahr­zeugen mit Common-​Rail-​Pumpe oder einem Pumpe-​Düse-​Triebwerk werden diese nicht ausrei­chend geschmiert. Bei Vermi­schungsgrad von nur fünf Prozent sind schon schwer­wie­gende Schäden an diesen Hoch­druck­ein­spritz­an­lagen möglich. Und das könnte letztlich zur totalen Zerstörung des Motors führen. Alte Diesel hingegen, etwa die kaum noch zu sehenden Golf I und II, vertragen bis zu 30 Prozent Anteil an Ottokraftstoffen. 

Im umge­kehrten Fall reichen ebenfalls fünf Prozent Diesel-​Beimischung aus, um den Kata­ly­sator und auch den Benzin-​Motor in Mitlei­den­schaft zu ziehen.

Vermi­schung schon in der Lieferkette?

Durch umfang­reiche Quali­täts­si­che­rungs­maß­nahmen wird verhindert, dass es durch Rest­mengen von Vorla­dungen in Eisen­bahn­kes­sel­wagen, Schiffen oder Stra­ßen­tank­fahr­zeugen zu Quali­täts­min­de­rungen der einzelnen Produkte kommt. So gibt es z.B. für den Transport per Bahn und Schiff umfang­reiche Vorla­dungs­listen, in denen Maßnahmen bei Produkt­wechsel beschrieben sind. 

Dabei ist zu beachten, dass schon ein Prozent Otto- im Diesel­kraft­stoff dessen Flamm­punkt um ca. 20 Grad senkt. In der Liefe­ran­ten­kette kann man zumindest in Deutschland Vermi­schungen in die Motoren gefähr­dender Höhe ausschließen. Und das Dank des umfang­reichen Quali­täts­ma­nage­ments und der zahl­reichen Sicher­heits­maß­nahmen bis hin zur Selbst­er­kennung des Tkw-​Schlauches beim Befüllen eines Tankstellen-Tanks.

Tipp: Wenn ein Kunden recht­zeitigt bemerkt, dass er falsch getankt hat, sollte der Tankwart ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen. Falls er eine Werkstatt führt, über geeignete Abpump­t­echnik verfügt und in der Lage ist, die Kraft­stoff­lei­tungen zu säubern, kann er schnell helfen. Ansonsten sollte man die Gelben Engel rufen. Das abge­pumpte Gemisch ist auf jeden Fall als Gefahrgut zu behandeln und entspre­chend zu entsorgen.

Was tun, wenn verse­hentlich Diesel in einen Benziner getankt wurde?

  • Tank entleeren
  • Zündkerze säubern
  • Auswechseln des Motorenöls
  • Reinigen des gesamten Kraftstoffsystems

Was tun, wenn Benzin in einen Dieseltank gerät?

  • Nicht starten! Sofort Kraft­stoff­system entleeren und reinigen!

Was tun, wenn man verse­hentlich E85 in einen „normalen“ Benziner tankt?

  • Durch die geringere Ener­gie­dichte von bis zu 40 Prozent könnten moderne Otto-​Motoren zu mager laufen und dabei Schaden nehmen.
  • Bei mehr als 10 Prozent sollte man den Tank komplett entleeren.

Geschrieben für Brenn­stoff­spiegel und aktua­li­siert für diesen Blog. Der voll­ständige Beitrag ist nur in der Ausgabe 03/​2013 zu lesen. Zum kosten­freien Probeabo geht es hier.

Vorschaubild: Wird häufiger verwechselt als man denkt: Zapf­pis­tolen von Diesel- und Otto­kraft­stoff. Foto: Urbansky

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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