Titelbild: Jean Housen / Wikimedia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0

Grie­chen­lands Ölmarkt: Mehr Hoffnung als Reichtum

von | 12. Mai 2017

Urlaubszeit – Archivzeit

Aktuell wird gerade mal wieder darüber speku­liert, dass Grie­chenland seine Schul­denlast mithilfe von Öl- und Gasre­serven, die vor dessen Küsten im Meer schlummern, begleichen könnte, zum Beispiel hier. Doch dagegen spricht vieles, zumindest kurz- und mittel­fristig. Deswegen aus aktuellem Anlass ein Beitrag von mir aus dem Jahre 2012 zu diesem Thema.

Grie­chenland ist zum Synonym für die Euro-​Krise geworden. Dabei hat das Land am südlichen Ende des Balkans durchaus mehr zu bieten als Steu­er­hin­ter­zieher oder Streik­freunde. So zum Beispiel einen äußerst inter­es­santen Mine­ral­öl­markt, der geprägt ist von leis­tungs­fä­higen Raffi­nerien, großen, wenn auch uner­schlos­senen Ölvor­räten vor Kreta und zahl­reichen mittel­stän­di­schen Brenn- und Treibstoffhandelsketten.

Grie­chenland ist ein Top-​Öl-​Land. Denn innerhalb der EU hat es den höchsten Pro-​Kopf-​Verbrauch (5,36 Liter je Tag; zum Vergleich Deutschland: 4,92 Liter, EU: 4,37 Liter). Mit 55 Prozent Öl-​Anteil an der Primär­ener­gie­ver­sorgung liegt es ebenfalls an der Spitze (EU: rund 40 Prozent)*. Heizöl ist – neben einhei­mi­scher Braun­kohle, die belieb­teste Wärme­en­er­gieform. Der Ölver­brauch war einer der Gründe, warum das Land allein aufgrund des Import-​Drucks und der stei­genden inter­na­tio­nalen Preise in die finan­zielle Schieflage geriet.

Zwar ist Grie­chenland auch ein Öl-​Produzent, doch das in nur verschwin­dendem Maße. Gerade mal 10.000 der täglich benö­tigten 400.000 Barrel werden aus einem kleinen Ölfeld vor der Feri­en­insel Thassos im Nord­westen Grie­chen­lands gefördert.

Das muss nach Ansicht vieler Griechen nicht so bleiben. Vor Kreta vermuten Experten deutlich größere Ölfelder. Man geht von sechs Milli­arden Barrel förder­fä­higen Reserven aus, bei insgesamt 26 Milli­arden Barrel. Gefördert wurde dort bislang nichts, was für die Griechen allerhand Anlass zur Verschwö­rungs­theorie gibt. Wohl näher an der Wahrheit ist, dass sich die Förderung auf dem vor Kreta extrem tiefen und zerklüf­teten Mittelmeer erst ab einem gewissen Preis­niveau lohnt. Das scheint derzeit erreicht.

Für drei Regionen, den Golf von Patras an der Westküste des Pelo­ponnes (geschätzte Reserven: 200 Millionen Barrel), nahe dem nord­grie­chi­schen Stadt Ioannina (50 bis 80 Millionen Barrel) und bei der west­grie­chi­schen Stadt Katakolo (3 bis 4 Millionen Barrel) schrieb die grie­chische Regierung zum Jahres­beginn die Explo­ration aus. Dabei kommen multi­na­tionale Konzerne zum Zuge. Grie­chenland selbst hat kein so großes Mine­ral­öl­un­ter­nehmen, das eine solche Erschließung leiten könnte.

Hellenic Petroleum – heimi­scher Multi

Das größte einhei­mische Hersteller und Vertreiber ist Hellenic Petroleum. Auf Druck der EU soll die Staats­firma priva­ti­siert werden. Eine erste Veräu­ßerung von 35 Prozent soll rund 1,8 Milli­arden Euro bringen. Hellenic betreibt drei der vier grie­chi­schen Raffi­nerien, dazu eine in Maze­donien (FYROM), wohin auch ein großer Teil der in Grie­chenland herge­stellten Öl-​Produkte geliefert wird. Das Öl dafür kommt vorrangig aus Saudi-​Arabien, Russland, dem Irak, Libyen und dem Iran.

Analog deutscher Firmen, die Raffi­nerien betreiben, besitzt Hellenic Oil zahl­reiche Tank­stellen, und zwar als Markt­führer unter der Marke EKO 1.200 in Grie­chenland selbst und 300 im benach­barten Ausland sowie Georgien.

Tank­stel­len­service an der Bordsteinkante

Eine genaue Anzahl, wie viele Tank­stellen in Grie­chenland exis­tieren, gibt es nicht. Es mögen rund 8.000 sein (zum Vergleich: Deutschland hat 14.300 bei rund acht­facher Bevöl­kerung und deutlich höherem Moto­ri­sie­rungsgrad). Von den auslän­di­schen Gesell­schaften sind BP und Shell führend. Daneben exis­tieren viele recht große und meist an Trans­port­un­ter­nehmen ange­glie­derte mittel­stän­dische Anbieter, unter anderem die etwa gleich­großen Aegean (551 Tank­stellen), revoil (523 eigene und über 200 Tank­stellen von Pächtern) oder AVIN (550 Tankstellen).

War das Land der Hellenen bei Touristen auch wegen seiner günstigen Sprit­preise beliebt, ist dies seit 2011 vorbei. Die diversen Sonder­steuern, die von der Regierung Papan­dreou zur Bekämpfung der Krise einge­führt wurden, schlugen voll auf die Treib­stoffe durch. Super-​Benzin kostet derzeit 1,70 Euro, Diesel etwa 1,60 Euro. Neben diesen beiden Sorten ist an den Tank­stellen nur noch Super plus und Flüs­siggas erhältlich. E10 ist unbekannt, ebenso Erdgas.

Dieses über­sicht­liche Angebot macht die landes­ty­pi­schen Mini-​Tankstellen erst möglich. Die stehen meist direkt am Stra­ßenrand und verfügen meist nur über zwei Zapf­säulen, an denen Normal und Super getankt werden kann. Diesel gibt es hier kaum. Ein Uralt-​Gesetz verbietet noch heute, dass Diesel-​Pkw in die inner­städ­ti­schen Ballungs­räume von Athen und Thes­sa­loniki fahren dürfen. Doch dort wohnt jeder zweite Grieche. Deswegen ist Grie­chenland das einzige Land, das sich dem Trend zur „Diese­li­sierung“ des Perso­nen­ver­kehrs wider­setzt. Lkw’s tanken dann immer an „normalen“ großen Tankstellen.

Betankt wird in Grie­chenland grund­sätzlich durch den Tankwart. Der reinigt dabei meist gleich die Scheibe, ohne dafür ein Trinkgeld zu verlangen. Gibt man es, wird es einem reichlich gedankt. Bei den derzei­tigen Einkom­mens­ver­hält­nissen (deutlich unter deutschem Schnitt) und den sonstigen Lebens­hal­tungs­kosten (Mieten wie in Deutschland, Lebens­mittel im Schnitt um 10 bis 20 Prozent höher) auch kein Wunder.

Teures Heizöl – Frostiger Winter?

Was in Deutschland das Grauen wäre (ein Heiz­öl­preis von mehr als 1 Euro je Liter), ist in Grie­chenland seit 2011 schon Alltag. Die bereits erwähnte Sonder­steuer erhöhte sich von 21 Euro auf 60 Euro je 1.000 Liter. Das kata­pul­tierte den Liter­preis auf 1 Euro. Zum Jahres­beginn 2012 verteuerte der sich durch höhere Steuern nochmals auf 1,40 Euro. Für viele Griechen ist das schlicht unbe­zahlbar. Die nötige Wärme (wer schon mal im Herbst und im Winter dort war, weiß, dass da auch Schnee fallen kann) wird dann mittels Strom erzeugt oder durch Brennholz. Da das kaum gehandelt wird, gingen die Griechen nach Pres­se­mel­dungen vom November 2011 dazu über, ihre Wälder abzu­holzen. Experten sehen deswegen rund ein Drittel der dortigen Wälder gefährdet.

Ein Alptraum für deutsche Heiz­öl­händler: In Grie­chenland herrscht de facto von April bis Oktober ein Verkaufs­verbot für Heizöl – warum auch immer.

Rosige Aussichten – oder Zusammenbruch?

Ob die krisen­ar­tigen oder zumindest extrem teuren Zustände in der Ener­gie­ver­sorgung, anhalten, hängt zum Großteil von den Griechen selbst ab. Viele von ihnen scheinen ob der schier aussichts­losen Lage nicht zu verzweifeln. Man kommt schon irgendwie durch. Hoff­nungen setzen sie in die schon erwähnten Erdöl­re­serven, die auch für die Schul­den­tilgung genutzt würden. Die drei erwähnten Vorkommen könnten gut 20 bis 25 Jahre lang dem grie­chi­schen Staat Einnahmen von elf bis 15 Milli­arden Euro bescheren – immerhin bis zu neun Prozent der derzei­tigen Staats­schulden, wie das Handels­blatt in einem Beitrag rechnete. Doch bis dieser Schatz gehoben wird, werden noch einige Jahre vergehen.

Grie­chenland scheint auch ander­weitig reich an Boden­schätzen. Die vorhandene heimische Braun­kohle reicht locker zur Strom­erzeugung. Erdgas spielt hingegen kaum eine Rolle, da die Griechen pro Kopf etwa nur etwa ein Drittel der Deutschen verbrauchen. Hingegen könnte das Land als Erdgas­trans­porteur eine größere Bedeutung erlangen, da der südliche Strang von South Stream durch Nord­grie­chenland führen soll. Bei den erwähnten Erdöl­vor­kommen soll sich auch reichlich Gas befinden. An sich nicht die schlech­testen Aussichten, um wenigstens im Ener­gie­sektor die Krise zu meistern.

* Alle Angaben: Inter­na­tionale Energie Agentur, CIA Factbook

Titelbild: Jean Housen /​Wikimedia /​Lizenz unter CC BY-​SA 3.0

Geschrieben für Brenn­stoff­spiegel, erschienen in der Ausgabe 2/​2012. Der komplette Beitrag ist nur dort zu lesen. Zum kosten­freien Probeabo geht es hier.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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