Das Handwerk installiert mehr klassische Heizungen, weniger Erneuerbare. Foto: ZVSHK

Ener­gie­ef­fi­zienz: Sanieren besser als Neubau

von | 29. Mai 2015

Deutsch­lands Baubranche geht es gut. 2014 gab es 5,4 % mehr Bauge­neh­mi­gungen für Wohnungen, auch wenn die Auftrags­ein­gänge im Bauhaupt­ge­werbe leicht zurück gingen. Fakt ist, dass Neubauten heute auch aufgrund gesetz­licher Vorgaben wie EnEV und EEWärmeG deutlich ener­gie­ef­fi­zi­enter gebaut werden können als dies der Bestand ergibt. 

Dennoch müssen Neubauten mit einem deutlich höheren Ener­gie­aufwand errichtet werden. Im Bestand wurde dieser bereits erbracht und ist quasi abge­schrieben. Deswegen sind Sanie­rungen – bezogen auf eine so gerechnete Gesamt­bilanz – günstiger als ein Neubau.

Auch diesem Thema widmet sich die Suffi­zienz im Bauwesen. Der Autor Daniel Fuhrhop kämpft in seinem Blog „Verbietet das Bauen“ für die Sanie­rungs­va­riante statt eines Neubaus. Auf den Berliner Ener­gie­tagen stellte er mehrere Varianten vor, mit denen suffi­zi­entes und damit ener­gie­spa­rendes Sanieren möglich wird. 

Als Haupt­ar­gument dient ihm der unge­bremste Anstieg der Wohnungen (von 34 auf 41 Mio.), obwohl die Bevöl­kerung in Deutschland in den letzten zwei Jahr­zehnten konstant blieb. „Es wurden also 7 Millionen Wohnungen nur deswegen neu gebaut, weil wir auf mehr Fläche wohnen. Grob geschätzt kostet uns dieser verschwen­de­rische Umgang mit Fläche eine Billion Euro., so Furhop.

Hier sind 10 seiner Vorschläge, die Neubauen über­flüssig machen sollten oder könnten:

Platz sparen durch Suffizienzberatung

Die Wohn­fläche pro Person stieg seit der Nach­kriegszeit von 15 auf 45 qm. So wie derzeit zu Effizienz beraten wird, etwa bei Energie, sollten alle Bauwil­ligen zur Suffi­zienz beraten werden, zum „weniger bauen“ oder „nicht bauen“.

Wieviel Platz für wieviel Dinge?

Moderne Spei­cher­medien sparen den Platz, der bisher für Bücher, CDs und DVDs verwendet wird. Als Beispiel dient ein USB-​Stick des Gutenberg-​Projekts mit 7.000 Büchern.

Leerstand besei­tigen

Um Leerstand zu vermeiden, sollten wir mindestens wissen, was leersteht – doch nur ein Achtel der deutschen Kommunen kennt ihren Leerstand, ein Viertel kennt zumindest einen Teil davon (etwa die Laden­lokale), Zwei­drittel aber wissen nicht, wo etwas leersteht.

Jung kauft Alt

Hidden­hausen bei Bielefeld fördert junge Leute mit bis zu zehn­tausend Euro dabei, alte Häuser zu kaufen. In sieben Jahren förderte die Gemeinde den Kauf von 340 Häusern, senkte den Leerstand und stoppte den Sinkflug der Einwohnerzahlen.

Platz­ver­schwendung als Stilfrage

Groß­zügige „Wohn­land­schaften“ im Erdge­schoss mancher Einfa­mi­li­en­häuser umfassen sechzig bis siebzig Quadrat­meter, doch es fehlen Arbeits‑, Schlaf- und Kinder­zimmer. Auf der gleichen Fläche brachte Architekt Bruno Taut eine komplette Drei-​Zimmer-​Wohnung unter, wie ein Film auf dem Verbietet-​das-​Bauen-​Youtube-​Kanal zeigt.

Sanierung ganz­heitlich rechnen

Ein Beispiel einer Sanierung in Bremer­haven Wulsdorf zeigt mit konkreten Zahlen der Wohnungs­ge­sell­schaft Stäwog, dass eine Sanierung günstiger war, als abzu­reißen und neu zu bauen – wenn man sowohl die „graue Energie“ berück­sichtigt, die Abriss und Erstellung kosten, als auch die Mobi­li­täts­en­ergie, die zusätz­licher PKW-​Verkehr benötigt.

Wohnungen umbauen mit der „Raumsonde“

Der Hamburger Architekt Gerd Streng fügte auf origi­nelle Weise einer Familie mit Raum­mangel einen Raum zu – als „Raumsonde“ erschließt er ein Zimmer der darun­ter­lie­genden Wohnung, in der die Groß­mutter zuviel Platz hat. 

Umzüge fördern durch Umzugs­prämie & Umzugsberatung

Umzüge mit Prämien und Beratung zu fördern, rechnet sich: Wenn zum Beispiel ein älterer Bewohner in eine kleinere Wohnung zieht und 30 bis 40 Quadrat­meter frei­werden, müssen die nicht neu gebaut werden. Ersparte Neubau­kosten von 60−70.000 Euro sind ein ausrei­chendes Budget für Umzug, Prämie und Beratung.

Probe­wohnen in Görlitz

Gegen Vorur­teile hilft „Probe­wohnen“: In Görlitz förderte die Wohnungs­ge­sell­schaft durch eine Woche Test­wohnen, dass Menschen die Grün­der­zeit­bauten kennen­lernen, von denen viele leerstehen.

Anders sehen: Welterbe Märki­sches Viertel

Dass manche Sied­lungen weniger beliebt sind als andere, liegt auch am zeit­lichen Abstand zu ihrer Bauzeit. Wenn wir die spätere Histo­ri­sierung vorweg­nehmen, entdecken wir den bauge­schicht­lichen Wert. Erheben wir zum Beispiel die Groß­siedlung Märki­sches Viertel aus den 1960er Jahren zum Welterbe!

Der Vortrag kann hier herun­ter­ge­laden werden.

Im August erschient sein Buch „Verbietet das Bauen. Eine Streit­schrift“, in dem er 50 Maßnahmen gegen den Bauwahn vorschlägt.

Vorschaubild: Check vorhan­dener Bausub­stanz und Heizungs­an­lagen inkl. Sanierung statt Neubau ist Ziel der Suffi­zienz im Bauwesen. Foto: ZVSHK

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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