Vorschaubild: „Treidler an der Wolga“ (Бурлаки на Волге), Ilja Repin, 1870–1873

Schöne neue Arbeitswelt: Leib­ei­gen­schaft und Patriarchat

von | 1. Juni 2015

Reid Hoffman, LinkedIn-​Mitbegründer und ein Freund offener Worte, straft verbal seine ganze Unter­neh­mer­kaste ab. „Die größte Lüge ist, dass ein Arbeits­ver­hältnis etwas Fami­liäres ist“, so Hoffman in seinemneuen Buch The Alliance. Die Familie steht dabei für die unbe­dingte Loyalität des Arbeit­nehmers (wobei es an dieser Stelle müßig ist, darauf hinzu­weisen, wer die Arbeit nimmt und wer die Arbeit gibt) gegenüber seinem Arbeit­geber. Und er setzt mit „Du feuerst dein Kind nicht, wenn es schlechte Noten hat“ noch einen drauf.

Hoffman legt damit den Finger in eine Wunde, die auch in Deutschland schwärt. Insbe­sondere die Gene­ration Y, aber nicht nur sie, ist von prekären Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nissen betroffenund schwebt zwischen Zeit­ar­beits­ver­trägen, Praktika und Über­stunden hin und her. Die Rege­ne­ration, also die Repro­duktion der eigenen Leistung, kommt dabei zu kurz. Doch diese ist wesentlich für den Erhalt der Arbeits­kraft– letztlich der einzigen Ware, die ein Arbeit­nehmer anzu­bieten hat. Gleich­zeitig wird höchster Einsatz verlangt, obwohl der Arbeit­geber kaum etwas für die soziale Sicherung tut. Getreu nach dem Motto: Wer samstags nicht kommt, braucht sonntags nicht wiederkommen. 

Absolute Loyalität

Die Unter­nehmen erwarten, wie in Hoffmans fami­liären Beispiel, absolute Loyalität, die unschwer mit der von Knappe und Ritter oder Bauer und Landgraf zu vergleichen ist. Und die hieß Leibeigenschaft. 

Der DGB-​Chef Reiner Hoffmann zog mit diesem Begriff anläßlich des 1. Mai eine bittere Bilanz. „Setzt sich der derzeitige Trend fort, sind vorin­dus­trielle Zeiten mit patri­ar­cha­li­schen Leibeigenen-​Systemen nicht mehr weit, bei denen Arbeits­be­din­gungen vom Goodwill des Chefs abhängen, diesmal digital kontrol­liert, mit Löhnen, die höchstens zum Überleben reichen. Es gibt diese Jobs bereits. Sie sind kein Modell für eine Zukunft, nicht für eine Gesell­schaft, und nicht für Deutsch­lands Wirt­schaft“, so der Gewerk­schaftschef in einem Beitrag für das manager magazin.

80 % unzufrieden

Gerade das führt zu massen­hafter Unzu­frie­denheit unter den abhängig Beschäf­tigten. 80 % hadern mit ihrem Job. Und diese Zahl ist seit vielen Jahren konstant. Gleich­zeitig scheuen sie jedoch den Wechsel des Arbeits­platzes. Kein Wunder, denn ein anderer würde in der schönen neuen Arbeitswelt nicht viel besser sein. Doch dazu mehr weiter unten.

Mangelnde Flexi­bi­lität am Arbeitsmarkt

Durch diesen Prozess ist das kapi­ta­lis­tische System in einer seiner Grund­festen bedroht – der Flexi­bi­lität. Denn diese braucht es auch im Bezug auf den Arbeits­markt und damit zur gene­rellen und sich ständig wieder­ho­lenden Repro­duktion. Ein Unter­nehmen, das keine neuen willigen und vor allem talen­tierte Arbeits­kräfte gewinnt, ist zum Scheitern verurteilt.

Wird hingegen Loyalität von den Arbeit­nehmern erbracht, steigern sie sich so in mehr Abhän­gigkeit des Arbeit­gebers. Mit viel­fäl­tigen Mitteln wird diese Haltung belohnt (Boni, Feiern, Beför­de­rungen) oder bei Ausbleiben bestraft (Ausschluss von Boni und Beför­de­rungen bis hin zu Mobbingdurch die eigenen Kollegen, die das System, indem sie sich einge­richtet haben, bedroht sehen). 

Arbeit­nehmer, die sich hingegen in patri­ar­cha­li­schen Struk­turen einge­richtet haben, werden analog den Leib­ei­genen nicht wechseln, auch wenn sie im Gegensatz zu diesen die Möglichkeit hätten. Denn, so Hoffmann in seinem Beitrag: „Die Zahl derje­nigen, die in so genannter atypi­scher Beschäf­tigung stecken, also in Zeit­arbeit, Befristung oder gering­fü­gigen Jobs, hat in den vergan­genen 20 Jahren um 70 Prozent auf 7,6 Millionen Menschen zuge­nommen … Arbeit, so scheint es, hat nur noch einen Wert: Dass man sie überhaupt hat, egal unter welchen Bedingungen.“ 

wird fort­ge­setzt

Vorschaubild: „Treidler an der Wolga“ (Бурлаки на Волге), Ilja Repin, 1870–1873

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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