Foto: MONTANA

Wie CO2-​neutraler Brenn­stoff­handel funktioniert

von | 23. Februar 2015

Selbst wenn es im öffent­lichen Meinungsbild und der Politik bisweilen anders klingt: Brenn­stoff­handel und Klima­schutz können sehr wohl zwei Seiten einer Medaille sein, wie die verschie­denen Akti­vi­täten der Branche zeigen. Ob moderne Brenn­wert­technik, der verstärkte Einsatz biogener Energien wie Holz oder die Beratung der Kunden zum Ener­gie­sparen. Einige mittel­stän­dische Ener­gie­firmen haben nun einen weiteren Weg erschlossen: Der Kunde kann entspre­chend der gekauften Brenn­stoff­menge Zerti­fikate erwerben, für deren Wert Wälder aufge­forstet oder alter­native Ener­gie­er­zeuger instal­liert werden.

Bei der Verbrennung fossiler Ener­gie­träger wird – Binsen­weisheit – Kohlen­dioxid (CO2) frei, das vor langer Zeit im Brenn­stoff gebunden wurde. Bei einem normalen Vier-​Personen-​Haushalt und einem Wärme­bedarf von 25.000 kWh sind das gut fünf Tonnen CO2 im Jahr. Ob das nun tatsächlich zur Klima­er­wärmung führt oder nicht, mag dahin­ge­stellt sein.

Auffors­tungen zur Kompensation

CO2 ist ein für das Pflan­zen­wachstum unver­zicht­barer Bestandteil der Erdat­mo­sphäre. Wer sich mal mit CO2-​Neutralität befasst hat, kommt deshalb schnell zum Aufforsten. Der Grund­ge­danke dabei ist simpel: Ein Unter­nehmen oder ein Produkt verur­sacht einen bestimmten CO2-​Ausstoß, der mittels Anpflan­zungen insbe­sondere von Laub­bäumen neutra­li­siert wird, da diese das CO2 wieder absor­bieren. Diesen Ansatz verfolgt Prima­Klima –weltweit- e.V. aus Düsseldorf. Seit 1991 sammelte der Verein bei nunmehr 180 Unter­nehmen, darunter Jack Wolfskin, OTTO und Mazda, sowie über 1.000 Privat­per­sonen 3,7 Millionen Euro für Wald­spenden. Damit wurden bisher 12,5 Millionen Bäume auf über 78 Quadrat­ki­lo­metern ange­pflanzt, die jährlich rund 54.000 Tonnen CO2 absor­bieren. Die Arbeit des Vereins ist vom in Spen­den­fragen renom­mierten Deutschen Zentral­in­stitut für soziale Fragen (dzi) geprüft und empfohlen.

Wir empfehlen dem Heiz­öl­handel eine Kombi­nation aus Auffors­tungs­zer­ti­fi­katen sowie eine Flächen­zu­ordnung in aktuellen Auffors­tungen weltweit“, so Horst Emse, stell­ver­tre­tender Vereins­vor­sit­zender von Prima­Klima. Dies garan­tiere sofortige Klima­neu­tra­lität, höchste Sicherheit durch dreifache Kompen­sation und Risi­ko­streuung. Die Kosten dafür würden sich seiner Rechnung nach auf ca. 2,60 Cent pro Liter Mineralöl belaufen.

Lösung aus der Branche

Wie nun sehen die Lösungen der Brenn­stoff­händler aus, die schon CO2-​freie Produkte vertreiben? Bei allen Angeboten, die derzeit in Deutschland exis­tieren, dreht es sich um Klima­schutz­pro­jekte in der Dritten Welt bzw. in Taiwan. Diese werden finan­ziert mittels eines Aufschlages auf hiesige Brenn­stoff­preise. Dabei handelt es sich über­wiegend um tech­nische Projekte. Die von den deutschen Mine­ral­öl­händlern verwen­deten Zerti­fikate sind inter­na­tional anerkannt. Das Verfahren, das über­schüssig frei­ge­setzte fossile CO2 mit diesen Projekten zu neutra­li­sieren, wird auch von Umwelt­schützern positiv gesehen.

Klima­neu­trales Erdgas und Heizöl von MONTANA

Der baye­rische Ener­gie­ver­sorger MONTANA ist einer der Vorreiter der kohlen­di­oxid­neu­tralen Brenn­stoff­ver­sorgung. Seit Ende 2009 bietet er für einen Klima­schutz­beitrag seinen Kunden an, nach inter­na­tio­nalen Standards geprüfte Wind- und Wasser­pro­jekte zu unter­stützen. „Wir beraten unsere Kunden bereits seit langem und sehr umfassend, wie sie ihren persön­lichen CO2-Fußab­druck redu­zieren können – ange­fangen bei umwelt­be­wusstem Heizen über moderne Heiz­technik und regel­mäßige Wartung bis hin zu effi­zi­enten Brenn­stoffen. Unser Angebot von klima­neu­tralen Produkten ist also ein konse­quenter Schritt. Denn wer mit Heizöl oder Erdgas heizt, nutzt fossile Ener­gie­träger, die bei der Verbrennung CO2 erzeugen. Möglich­keiten zu bieten, diesen CO2-Ausstoß zu neutra­li­sieren, liegt in unserer Verant­wortung als nach­haltig denkender Versorger. Unsere Kunden bekommen mit der Jahres­en­d­rechnung ein Klima­zer­ti­fikat ausge­händigt, welches bestätigt, dass ihr Heizöl- bzw. Erdgas­ver­brauch CO2-​neutral gestellt wurde“, so Stefan Koburger, Geschäfts­führer der bei München ansäs­sigen Unter­neh­mens­gruppe MONTANA. Der Aufpreis für klima­neu­trales Heizöl beträgt 3,57 Euro je 100 Liter brutto. Das sind, ausgehend von einem normalen Haushalt mit einen Jahres­ver­brauch von 2.500 Liter Heizöl, rund 7,44 Euro im Monat. Das Geld kommt dem Windfarm-​Projekt Mitcon III in Indien, dem Lauf­was­ser­kraftwerk Mobuya in Nord-​Sulawesi in Indo­nesien und dem Windfarm-​Projekt Infravest Changbin & Taichung in Taiwan zugute. 500 Montana-​Kunden nutzten bisher das Angebot.

Knauber: Ganze Firma klimaneutral

Ein weiterer Prot­agonist ist die Firma Knauber aus Bonn. Sie betreibt nicht nur einen recht großen Mine­ral­öl­handel, sondern daneben auch noch mehrere Bau- und Frei­zeit­märkte. Für das Unter­nehmen an sich errech­neten Experten einen jähr­lichen Ausstoß von 6.000 Tonnen CO2. Dafür wurden Zerti­fikate erworben, mit denen Klima­pro­jekte in Taiwan und Honduras unter­stützt werden. In Mittel­amerika handelt es sich um ein Wasser­kraftwerk, dessen durch­schnitt­liche Emis­si­ons­min­derung circa 20.000 Tonnen CO2 beträgt. In Ostasien hingegen werden zwei Windpark-​Projekte mit 65 Wind­rädern unter­stützt. Dies führt zu einer direkten Kompen­sation der Treib­hausgase aus dem karbon­in­ten­siven taiwa­ne­si­schen Stromnetz, das haupt­sächlich durch Kohle­en­ergie versorgt wird.

Knauber wirbt als soge­nanntes Ökoprofit-​Unternehmen bei seinen Kunden, ihm zu folgen. Deswegen handelt die Brennstoff-​Sparte mit einem klima­neu­tralen Heizöl und einem eben­solchen Flüs­siggas. Kunden, die sich dafür entscheiden, zahlen ein wenig mehr – bei Heizöl zwei Cent pro Liter. Mit diesen Einnahmen werden die oben genannten Projekte unter­stützt. „Gegen den drohenden Klima­wandel kann jeder im Rahmen seiner eigenen Möglich­keiten etwas tun – hier möchten wir als Unter­nehmen aktiv werden und Impulse in der Region setzen“, sagte Dr. Ines Knauber-​Daubenbüchel, geschäfts­füh­rende Gesell­schaf­terin der Firmen­gruppe. Erste Kunden würden das vor einem halben Jahr einge­führte Angebot bereits nutzen.

Der Ausgleich des CO2-​Ausstoßes über Emis­si­ons­min­de­rungs­zer­ti­fikate ist ein richtiger Schritt auf dem Weg zum nach­hal­tigen Heizen. Die CO2-​Bilanz ist bei CO2-​neutralem Heizöl vergleichbar mit Pellets – sie tendiert Richtung null“, so der Dipl.-Ing. Architekt und Ener­gie­be­rater Frie­demann Zeitler. „Derzeit ist das Angebot von CO2-​neutralem Heizöl noch sehr unbekannt. Der Öko-​Strom genießt hingegen schon breitere Bekanntheit. Tenden­ziell denke ich aber, dass die Akzeptanz von CO2-​neutralem Heizöl ähnlich steigen wird wie die des Öko-​Stroms“, so Zeitler weiter, der auch Vorstands­mit­glied des baye­ri­schen Landes­ver­bands der unab­hän­gigen Ener­gie­be­rater Bayern­Energie ist. Es bleibt also abzu­warten, wie sich die Resonanz im Markt entwi­ckeln wird.

Keslars Kunden werden Klimaschützer

Das bestätigt auch Christine Keslar-​Tunder, Geschäfts­füh­rerin des Ener­gie­händlers Keslar aus Kempten. „Wir bieten unseren Kunden mit dem KESLAR-​Sparheizöl klima­neutral ein CO2-​neutrales Produkt an. Mit einem Aufpreis von rund drei Euro pro 100 Liter werden emis­si­ons­min­dernde Projekte und erneu­erbare Energien in Industrie- und Schwel­len­ländern, die nach dem „Gold-​Standard” und dem „Verified Carbon Standard (VCS)” zerti­fi­ziert, also mit inter­na­tional regis­trierten, geprüften und akkre­di­tierten Standards ausge­zeichnet sind. Bisher ist die Resonanz aber noch gering.

Wie prak­ti­kabel ist Wiederaufforstung?

Wieder­auf­forstung als Mittel der CO2-​Nezutralisierung ist ein aner­kanntes Mittel. Wie prak­ti­kabel ist jedoch diese Lösung, bezogen auf Deutschland? Folgende kurze Rechnung zur kompletten Neutra­li­sierung des Heiz­öl­ver­brauchs zwischen Nordsee und Alpen soll Licht ins Dunkel bringen:

Heiz­öl­ver­brauch jährlich: 20 Millionen Tonnen (= 17,2 Millionen Kubik­meter oder 17,2 Milli­arden Liter – nach der spezi­fi­schen Dichte von HEL von 0,86 kg/​l)
CO-​2-​Emittierung (2,6 kg je Liter HEL) = 44,72 Milli­arden kg oder 44,72 Millionen Tonnen
Absorp­ti­ons­leistung 1 km² neu aufge­forstete Wald­fläche mit rund 160.000 Bäumen: rund 692Tonnen

CO2-​Emittierung gesamt/​CO2-​Neutraisierung 1 km² = 64.624 km²

Zum Vergleich: Die Bundes­re­publik ist 357.111 km² groß, folglich müssten mehr als 20 Prozent der Landes­fläche komplett wieder aufge­forstet werden. 30 Prozent des Landes sind bereits mit Wald bedeckt. Sprich: Halb Deutschland wäre, würde man nur die CO2-​Emissionen aus dem Heizöl neutra­li­sieren wollen, mit Wald bepflanzt.

Vorschaubild: MONTANA

Geschrieben für Brenn­stoff­spiegel und Mine­ral­öl­rund­schau. Erschienen in Heft 7/​2011. Der voll­ständige Beitrag ist nur dort zu lesen. Mehr hier.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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