Frank Urbansky ist freier Journalist und Fachautor mit den Schwerpunkten Erneuerbaren Energien, Wärmemarkt, Heizungstechnik, energieeffizentes Bauen sowie Öl- und Gasmärkte. Seit 2015 schreibt er für das Wissensportal springerprofessional.de. Foto: Peter Eichler / Leipzig

Ukraine-​Krise: Wie sicher ist die Erdgasversorgung

von | 22. April 2014

Über die Sicherheit der russi­schen Gaslie­fe­rungen nach Europa (Gesamt­im­porte ca. 167 Mrd. Kubik­meter lt. Der Spiegel) wird derzeit viel speku­liert. Das Szenario: Die Ukraine könnte sich aus den durch ihr Terri­torium verlau­fende Trassen für Europa bestimmtes Erdgas zur eigenen Versorgung abzweigen, worauf hin Russland bzw. Gazprom als Staats­konzern und Besitzer des Gases und eines Teils der Leitungen diese sperrt. Bisher ist dies noch nicht vorge­kommen, auch wenn 2012 eine solche Situation bereits bestand.

Fakt ist, dass ein Großteil der Gazprom-​Exporte tatsächlich über die Ukraine laufen, hier über die Pipelines Sojus mit 26 Mrd. Kubik­metern und Brot­herhood mit 30 Milli­arden Kubik­metern. Jedoch kann ein Teil auch über North Stream (55 Mrd. Kubik­meter) geleitet werden. Diese verläuft nicht durch die Ukraine, ist aber auch nicht in der Lage, den kompletten euro­päi­schen Bedarf an russi­schem Erdgas zu decken, zumal sie derzeit schon zu über 50 Prozent ausge­lastet ist.

Speku­la­tionen, die Slowakei könnte die Sojus-​Pipeline nutzen um Erdgas in die Ukraine zu liefern, wurden von dem Land inzwi­schen zurück­ge­wiesen. Erstens wolle man die Verträge mit Gazprom, denen das entschei­dende Leitungs­stück gehört, nicht verletzen, zweitens sei die umge­kehrte Gaslie­ferung in einer Pipeline ein recht kompli­zierter Prozess.

Damit sind auch die Pläne des deutschen Ener­gie­ver­sorgers RWE hinfällig, der genau auf diesem Weg rund 5 Mrd. Kubik­meter an die Ukraine liefern wollte. Deren Bedarf liegt aller­dings bei 25 Milli­arden Kubik­metern im Jahr. Liefern tut RWE statt dessen seit vergan­genen Woche über eine polnische Pipeline . Diese hat jedoch eine deutlich geringere Leistungsfähigkeit.

Eine weitere Kompo­nente wären außer­eu­ro­päische Importe. Nach den Worten des spani­schen Außen­mi­nisters José Manuel García-​Margallo könnte Algerien über Spanien zwischen 50 und 60 Milli­arden Kubik­meter Gas pro Jahr nach Europa liefern, so das Portal Stimme Russlands. Doch selbst wenn dies gelänge – der derzeitige Stand der Infra­struktur spricht dagegen – lassen sich damit die russi­schen Importe niemals voll­ständig ersetzen. Auch Norwegen könnte nur maximal 10 Mrd. Kubik­meter mehr fördern.

Bleibt zu konsta­tieren: Eine sichere euro­päi­schen Gasver­sorgung setzt eine Verstän­digung zwischen Russland und der Ukraine voraus. Bleibt die aus oder kommt es gar zu krie­ge­ri­schen Konflikten, wäre eine sichere Versorgung Europas und damit Deutsch­lands mit russi­schem Erdgas allein schon aus Kapa­zi­täts­gründen des Pipe­line­systems gefährdet. Etwas abge­federt werden könnte dies durch die deutschen Erdgas­speicher, die verpflichtet sind, rund 30 Tage die Versorgung bei einem mittleren Winter aufrecht zu erhalten. Nimmt man alle Unter­grund­speicher in Deutschland zusammen, so könnten sie die Versorgung sogar von 90 Tagen sicher­stellen. Aller­dings trat dieser Fall noch nie ein, sprich: Ob das Ausspeisen der Reserve im Ernstfall überall und fehlerfrei gelingt, kann niemand sagen.

Geschrieben für Bund der Energieverbraucher.

Original-​Beitrag hier.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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