Grafik: WEG

Erdgas: Fracking als Import-​Alternative zu teuer

von | 22. Juni 2015

Die Erdgas­in­dustrie argu­men­tiert gern, dass ohne Fracking in Deutschland die Import­ab­hän­gigkeit zunehme und möchte entspre­chende gesetz­liche Freigaben, auch um besser planen zu können. Das ist generell richtig. Denn die in konven­tio­nellen Lager­stätten, also Sandstein, vorhan­denen Erdgas­vorräte neigen sich dem Ende. 

Russland springt aktuell in diese Bresche und will mit einem Konsortium aus Firmen der EU, darunter E.ON und Shell, die Nord-​Stream-​Pipeline erweitern. Dann könnten zusätzlich 55 Mrd. Kubik­meter Erdgas hierher fließen. Das erhöht zwar die Abhän­gigkeit von Russland, macht aber, konstante Liefe­rungen voraus­ge­setzt, die einhei­mische Förderung wieder ein bisschen überflüssiger.

Deutsche Förderung endlich

Denn die sank von 21 Prozent um die Jahr­tau­send­wende auf aktuell 8 Prozent. Tendenz: Weiter fallend. Gernot Kalkoffen, der Euro­pachef von Exxon, rechnet mit einem jähr­lichen Schwund von 10 Prozent, sollte Fracking in Deutschland nicht zuge­lassen werden. Theo­re­tisch wären dann nach Schät­zungen Indus­trie­ge­werk­schaft BCE in 10 bis 15 Jahren Schluss mit der Erdgas­för­derung in Deutschland

Genau damit ist zu rechnen. Bei der Anhörung im Bundestag zur Novel­lierung des Fracking-​Gesetzes fand Fracking zwar auf wissen­schaft­licher Seite Zuspruch. So betonte der Präsident der Bundes­an­stalt für Geowis­sen­schaften und Rohstoffe (BGR), Hans-​Joachim Kümpel, beim Einsatz der Fracking-​Technologie, die in Deutschland bereits seit fünf Jahr­zehnten bei über 300 Fracks zum Aufschließen von dichtem Sandstein ange­wendet werde, sei es bisher zu keinem Scha­densfall gekommen. Insbe­sondere kriti­siert er die Tiefe von 3.000 Metern, ab der erst per Frack im Schie­fer­ge­stein gefördert werden soll. 

Starke Gegen­al­lianz von Umwelt und Kommunen

Doch den Wissen­schaftlern und der im WEG zusam­men­ge­schlos­senen Förder­in­dustrie steht eine Allianz aus Umwelt- und Kommu­nal­ver­bänden entgegen. Ist die Moti­vation ersterer glasklar, fürchten letztere um die Trink­was­ser­re­ser­voirs – das wich­tigste Kapital der von ihnen betrie­benen Wasser­werke. Es ist kaum zu erwarten, dass die Regierung hier der Förder­in­dustrie entgegenkommt.

Doch was ist nun dran am Argument, dass Fracking hier­zu­lande die Import­ab­hän­gigkeit verringert? Die förder­fä­higen Reserven werden von der BGR auf 0,7 bis 2,3 Billionen Kubik­meter geschätzt. Nimmt man das obere Ende dieser Skala, wären das 15 mal so viel wie in konven­tio­nellen Lager­stätten. Vor einigen Jahren betrug das deutsche Förder­niveau noch rund 12 Milli­arden Kubik­meter. Bei den sicher anzu­neh­menden Reserven von 700 Milli­arden Kubik­metern am unteren Ende der Skala würden diese knapp 60 Jahre reichen, beim eher unsicher anzu­neh­menden oberen Ende etwa das dreifache. Diese 12 Milli­arden Kubik­meter entsprächen auch dem 12%igen Anteil am gesamten deutschen Verbrauch. Tatsächlich würde dies die Import­ab­hän­gigkeit mindern.

Fracking 70 Prozent teurer

Dennoch fällt bei dieser Betrachtung eines heraus: der finan­zielle Aspekt. Die Förderung in Russland ist trotz Transport per Pipeline nach Europa günstiger, da die Förder­kosten bei Fracking ungefähr um 70 Prozent höher liegen als bei konven­tio­nellen Gaslagern. Das macht sich auch bei den seit 2010 konti­nu­ierlich fallenden Gasim­port­preisen bemerkbar. Grund: Russland, ebenso Norwegen und Nieder­lande, die beiden anderen großen Impor­teure hierher, fracken nicht. Die russi­schen konven­tio­nellen Gasre­serven belaufen sich auf 47.500 Milli­arden Kubik­metern, also dem mehr als 20fachen hiesiger Reserven inklusive der durch Fracking zu fördernden. Deutschland hingegen würde beim Fracking eine aufwän­digere und – durch die vom neuen Gesetz zu erwar­tenden Auflagen – teurere Förder­me­thode wählen müssen. 

Fracking müsste also politisch gewollt sein, um die Unab­hän­gigkeit von Importen zu stärken. Doch davon ist derzeit nichts zu spüren.

In diesem Beitrag gehe ich bewusst nicht auf weitere Argumente pro und contra Fracking ein. Eine Übersicht dazu findet sich hier.

Grafik: WEG

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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