Workers on the first moving assembly line put together magnetos and flywheels for 1913 Ford autos, Highland Park, Michigan / Wikimedia / gemeinfrei

Schöne neue Arbeitswelt: Nix zu tun am Fließband

von | 23. Juni 2015

Multi­tasking, Termin- und Leis­tungs­druck sowie die ständige Erreich­barkeit – das sind nach einem Bericht in der Süddeut­schen Zeitung die Grundübel der modernen Arbeitswelt. Über 50 Millionen Krank­heitstage fallen jährlich allein in Deutschland an, weil Arbei­tende psychische Probleme haben, die eben nicht zuletzt auf diese Stress­fak­toren zurück­gehen. Doch warum wird unsere Arbeitswelt immer schwieriger?

Der Ex-​IBM-​Manager und Buchautor Gunter Dueck hat darauf eine simple Antwort: Weil die einfachen Arbeiten von uns nicht mehr gemacht werden. Denn diese übernimmt ein Computer. Konnte man in der alten Arbeitswelt auch mal eine Routi­nejob in schöner Regel­mä­ßigkeit erledigen und dabei gegenüber dem Chef noch ein gutes Gewissen haben („Das muss ja schließlich auch noch weg“), bleiben mit der Dele­gierung simpler Aufgaben an die elek­tro­ni­schen Kulis letztlich nur die Arbeiten übrig, die von Computern eben nicht erledigt werden können. Also Arbeiten, die mit intel­lek­tu­eller Bewertung, vor allem aber mit Kommu­ni­kation zu tun haben. Und das sind genau jene Arbeiten, die als schwierig, als kompli­ziert empfunden werden, eben weil es viele Unbe­kannte etwa in Form anderer Menschen gibt. Bei Routi­nejobs, etwa am Fließband, ist dies ja eher nicht der Fall.

Während auf der einen Seite also Ange­stellte über Belastung im Job stöhnen, fallen die Routi­nejobs für Menschen, die aufgrund ihrer geistigen Konsti­tution nicht für diese Ange­stell­tenjobs in Frage kommen, nun massenhaft weg. Da hilft auch kein Schön­rechnen der Bundes­re­gierung, wie hier anhand der Lang­zeit­ar­beits­losen, die neben dem Nied­rig­lohn­sektor ein guter, wenn auch nicht 100 Prozent pass­ge­nauer Indikator für die wegfal­lenden Routi­nejobs sind.

Doch was tun? Dueck empfiehlt Bildung, und zwar so, wie die Eliten ihre Kinder erziehen, eben zu Krea­ti­vität, Konstruk­ti­vität, Gemein­schaftssinn und Empathie sowie einem daraus resul­tie­renden gesunden Selbst­be­wusstsein. Ob dies für bildungs­ferne Schichten, aus denen sich ja bisher ein Großteil der Routi­ne­ar­beiter rekru­tiert, abstrahlt, ist mehr als fraglich, ganz abgesehen vom derzei­tigen Schul­system, das diese Werte nur bedingt befördert.

Wie sieht sie nun aus, die schöne neue Arbeitswelt? Die mit festen Job und guter Quali­fi­zierung werden den Stress aushalten müssen. Weniger wird er nicht, aber mit Sicherheit lassen sich in Zukunft noch mehr Tätig­keiten an elek­tro­nische Helfer auslagern. Auf der anderen Seite hat man eine prole­ta­rische Reser­ve­armee für einfache Arbeiten, die aber immer weniger benötigt wird. Eine Sozial- und Arbeits­po­litik wird also gefordert sein, die nicht nur einen minimalen Ausgleich zwischen diesen beiden Lagern schafft, sondern die auch der Reser­ve­armee einen Sinn stiften muss. Denn sonst bleibt diese ein steter Unruheherd.

Vorschaubild: Workers on the first moving assembly line put together magnetos and flywheels for 1913 Ford autos, Highland Park, Michigan /​Wikimedia /​gemeinfrei

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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