Warum sinkt der Gas­preis nicht

An der EEX fallen die Großhandelspreise für Erdgas seit Mitte 2015 kontinuierlich. Foto: EEX
An der EEX fallen die Großhandelspreise für Erdgas seit Mitte 2015 kontinuierlich. Foto: EEX

Während Heiz­öl­kun­den hier­zu­lande sich über 30 Prozent weniger Kosten gegen­über dem Vorjahr freuen, gucken Gas­hei­zer in die Röhre. Die Preise gaben gerade mal um 2 Prozent nach. Warum ist das so?

Gas­hei­zer könnten sich eben­falls über die glei­chen Nach­lässe von 30 Prozent mehr freuen. Das Ver­gleichs­por­tal Verivox hat errech­net, dass derzeit im Bun­des­durch­schnitt 1.279 Euro für 20.000 kWh gezahlt werden. Die regio­nal jeweils güns­tigs­ten Ange­bote liegen mit 886 Euro um eben jene 30 Prozent dar­un­ter. Die Frage drängt sich gera­dezu auf: Warum geben die meisten Erd­gas­händ­ler ihre deut­lich gefal­le­nen Ein­kaufs­kos­ten nicht an ihre Kunden weiter, so wie es im Heiz­öl­han­del der Fall ist?

Dazu ein Blick auf die Preis­ent­wick­lung an der Leip­zi­ger Ener­gie­börse EEX:

Die Dif­fe­renz zwi­schen Oktober 2014 (H‑Gas NCG bei rund 24 Euro je MWh) und Oktober 2015 (19 Euro je MWh) beträgt über 20 Prozent. Fol­gen­des muss jedoch beach­tet werden: 20 Prozent dieses Preises werden für Netz­ent­gelte und Gas­trans­port ver­braucht, 25 Prozent machen Steuern aus und zwei Prozent werden für Messung und Abrech­nung benö­tigt. Bleiben also etwas mehr als 50 Prozent, die preis­tech­nisch varia­bel sind.

Ölpreis­bin­dung? Von wegen.

Ein Grund, der zur Recht­fer­ti­gung der hohen Preise gern seitens der Ver­sor­ger zitiert wird, ist die Ölpreis­bin­dung. Die wurde in den 70er und 80er Jahren seitens der Gas­wirt­schaft in Deutsch­land ein­ge­führt und koppelt die Preise für Erdgas an die Ent­wick­lung der Ölpreise. Gas sollte damit kon­kur­renz­fä­hig zum Heizöl gemacht werden. Bisher folgten die Ver­brau­cher­preise denn auch mit einer etwa halb­jähr­li­chen Ver­spä­tung den Ölprei­sen – ent­we­der nach oben oder nach unten. Im Januar hatten die Heiz­öl­preise mit 53 Euro je 100 Liter und mit ihnen die Erd­gas­preise mit 20 Euro je MWh bereits einen Tief­punkt wie die Oktober-Termine erreicht. Demnach hätten die End­ver­brau­cher­preise bis Juli um eben jene 20 Prozent zurück­ge­hen müssen. Das taten sie aber nicht.

Ein Grund ist, dass die reine Ölpreis­bin­dung vom Bun­des­ge­richts­hof bereits 2010 unter­sagt wurde. Der andere liegt in der Ver­än­de­rung des Gas­mark­tes. Alle Import­ge­sell­schaf­ten, also RWE, EON, Win­ters­hall und VNG, kaufen inzwi­schen große Mengen an der EEX in Leipzig ein und bezie­hen sie nicht mehr direkt von den Pro­du­zen­ten, meist in Russ­land und Nor­we­gen. Diese sind jedoch nach wie vor die größten Lie­fe­ran­ten für hier ver­brauch­tes Erdgas. Doch der Verkauf folgt immer stärker über die Börse – mit dem Effekt fal­len­der Preise. Bei der VNG macht die Börsen-Menge inzwi­schen 72 Prozent aus. Allein diese Markt­ent­wick­lung macht das Gerede von einer Ölpreis­bin­dung über­flüs­sig.

Ein wei­te­res Argu­ment ist die soge­nannte Durch­mi­schung des Preise. Die Ver­sor­ger, die derzeit Erdgas anbie­ten, haben die Mengen tat­säch­lich schon vor Monaten oder Jahren ein­ge­kauft, als die Preise tat­säch­lich höher lagen. So soll vor allem das eigene Risiko bei schwan­ken­den, ins­be­son­dere nach oben stei­gen­den Ein­kaufs­prei­sen mini­miert werden. Zwar ist dieses Argu­ment nicht voll­kom­men von der Hand zu weisen. Doch auch hier gilt, dass die Gas­preise schon seit Februar 2014 — abge­se­hen von einer Pla­teau­phase im Sommer letzten Jahres, im Sink­flug sind. Die Ein­spa­run­gen hat es also auf jeden Fall schon seit andert­halb Jahren gegeben.

Die Ver­brau­cher­zen­tra­len rechnen in einer Studie wie folgt: Bei Erdgas seien nicht mal zehn Prozent der Preis­sen­kung an die Ver­brau­cher wei­ter­ge­ben worden. Ein Pri­vat­haus­halt mit 15.000 Kilo­watt­stun­den Jah­res­ver­brauch hätte beim Erdgas im Januar – hoch­ge­rech­net aus Import­prei­sen – eigent­lich 13,80 Euro gegen­über dem Vor­jah­res­mo­nat sparen können. Tat­säch­lich seien es nur 1,20 Euro gewesen.

Wohin das Ein­ge­sparte fließt

Fakt ist also, dass die Ein­kaufs­preise dras­tisch sanken, die für die End­ver­brau­cher hin­ge­gen kaum. Wo landet nun die Dif­fe­renz? Die auf Ener­gie­fra­gen spe­zia­li­sierte Wirt­schafts­be­ra­tung LBD errech­nete aktuell eine durch­schnitt­li­che Marge von 196 Euro je Kunde bei einem Jah­res­ver­brauch von 20.000 kWh. Bei den errech­ne­ten Gesamt­kos­ten von 1.499 Euro wären das immer­hin 13 Prozent Gewinn. Dennoch: Gas­an­bie­ter ist nicht gleich Gas­an­bie­ter. Und nicht jeder macht die glei­chen Gewinne.

Seit mehr als einem Jahr bleibt die durch­schnitt­li­che Anzahl der Anbie­ter pro Post­leit­zahl sowohl im Strom als auch im Gas unver­än­dert. Markt­ein­tritte und Markt­aus­tritte halten sich die Waage oder aber es gibt keine neuen Markt­teil­neh­mer. Dies könnte ein Indiz für das Errei­chen einer Markt­sät­ti­gung sein“, kon­sta­tie­ren die LBD-Analysten.

Zwar seien die Ver­triebs­mar­gen­po­ten­ziale in der Grund­ver­sor­gung mehr als attrak­tiv, jedoch müsse man sich in der Kun­den­ge­win­nung mit den Angrei­fern, also jenen Unter­neh­men, die neu am Markt sind, messen und diese hätten derzeit schon ohne Boni eine Marge von Nahe Null. Und als Aus­blick: „Span­nend bleibt, mit welcher Posi­tio­nie­rung, Dif­fe­ren­zie­rung und mit welchen Pricing- und Ver­triebs­stra­te­gien die Anbie­ter dem Markt nun begeg­nen. Eins ist sicher – Ver­brau­cher­schutz und Kun­den­emp­feh­lung gewin­nen an Bedeu­tung.“

Geschrie­ben für Brenn­stoff­spie­gel. Der voll­stän­dige Beitrag ist nur in der Ausgabe 01/2016 zu lesen. Zum kos­ten­freien Pro­be­abo geht es hier.