VNG: Ohne Schlips in die Energie-Zukunft

Wollen auch ohne Schlips mehr können als nur Erdgas: VNG-Vorstände Hans-Joachim Polk, Ulf Heitmüller und Bodo Rodestock. Foto: Urbansky
Wollen auch ohne Schlips mehr können als nur Erdgas: VNG-Vorstände Hans-Joachim Polk, Ulf Heitmüller und Bodo Rodestock. Foto: Urbansky

Viel ist zu lesen von der Träg­heit der großen Ener­gie­ver­sor­ger und ihrer ver­zwei­fel­ten Suche nach einem scheren Platz in der neuen Ener­gie­welt. Der Split von RWE und innogy oder der von E.ON und Uniper sind nur zwei Modelle, die dies beschrei­ben. Anhand des Leip­zi­ger Erd­gas­spe­zia­lis­ten Ver­bund­netz Gas AG (VNG) – immer­hin der dritt­größte Impor­teur hier­zu­lande – kann man derzeit in Zeit­lupe sehen, wie sich der Konzern anders un dohne Split auf­stellt, um in einer Zukunft mit keinen oder nur sehr wenigen fos­si­len Ener­gie­trä­gern zu bestehen.

Zu Hilfe, viel­leicht auch gegen den eigenen Willen, kommt dem Ener­gie­ver­sor­ger auch die Markt­ent­wick­lung.

  • Im Han­dels­ge­schäft ist weder im Groß­han­del noch im End­kun­den­be­reich viel Geld zu ver­die­nen. Erster ist bezogen etwa auf Kraftwerks- und große Indus­trie­kun­den sogar deut­lich rück­läu­fig. Im letz­te­ren tummeln sich gut 900 Anbie­ter hier­zu­lande, die alle einen Krümel vom großen Gas­ku­chen abhaben wollen.
  • Das Spei­cher­ge­schäft ist seit Jahren defi­zi­tär. Lohnten sich früher das Ein­spei­sen noch, weil es einen deut­li­chen Preis­un­ter­schied für Gas im Winter (hoch) und Sommer (niedrig) gab, ist dies heute nicht mehr gegeben. Die Leip­zi­ger Ener­gie­börse EEX sorgt mit bör­sen­üb­li­chen Absi­che­run­gen wie Ter­mi­nen und Spots für Preis­an­nä­he­rung.
  • In der Explo­ra­tion ist die VNG erst seit wenigen Jahren unter­wegs, kann jedoch schon einige Erfolge vor­wei­sen. Dennoch ist auch hier ein Defizit aus­zu­ma­chen.
  • Bliebe nur der Gas­trans­port der Tochter Ontras. Der ist hoch­pro­fi­ta­bel, da staat­lich abge­si­chert.

Bilanz eher mager

Die Bilanz für 2017 wies einen Gewinn von 71 Mil­lio­nen Euro aus (bei einem Gesamt­um­satz von 10,3 Mrd. Euro ist das mit 0,7 Prozent nicht allzu viel). Doch selbst dieser schmale Gewinn ist zum über­gro­ßen Teil auf die Ontras zurück­zu­füh­ren.

Doch deren Gewinne sind auch zu einem Gutteil vom poli­ti­schen Willen abhän­gig, der Netz­be­trei­bern (glei­ches gilt für Strom) im Zuge der Ver­sor­gung­si­cher­heit via Bun­des­netz­agen­tur (BNetzA) eine garan­tierte Rendite zuge­steht. Die liegt etwa für Neu­in­ves­ti­tio­nen bei 9,05 Prozent. Doch seit diesem Jahr wurde der Zins­satz auf 6,91 Prozent für neue Anlagen und 5,12 Prozent für Bestands­an­la­gen abge­senkt (wenn auch aktuell dagegen seitens zahl­rei­cher Netz­be­trei­ber geklagt wird).

Die Ontras könnte in Zukunft nicht mehr in bis­he­ri­ger Höhe die Ver­luste der anderen Geschäfts­fel­der der VNG decken. Das schlägt ins Kontor, zumal mit der EUGAL im Zuge von Nord Stream 2, mit der der VNG-Vorstand fest rechnet, ein rie­si­ges Pipeline-Neubauprojekt durch die Ontras gestemmt werden muss.

Neue Stra­te­gie

Das ist dem Vor­stand der VNG um Ulf Heit­mül­ler bewusst. Schon im letzten Jahr riefen sie eine neue Stra­te­gie aus — VNG 2030+ genannt. Die war ver­bun­den mit einem Job­ab­bau auf der einen Seite (jeder dritte im Stamm­sitz Leipzig musste gehen), zum anderen aber mit dem Ori­en­tie­ren auf neue Geschäfts­fel­der. Dazu gehört auch das Unter­stüt­zen und Auf­kau­fen von Start­ups. Drei Felder werden in dieser Stra­te­gie vom Vor­stand genannt.

  1. Biogas in der VNG-Tochter Balance. Hier soll ein signi­fi­kan­tes Port­fo­lio auf­ge­baut werden – eigent­lich anti­zy­klisch zum der­zei­ti­gen eher jäm­mer­li­chen Zustand der Biogas-Branche und deren Politik, die ihr immer neue Steine in den Weg legt. Zu den derzeit fünf Anlagen, die vor allem der Ein­spei­sung von grünem Erdgas ins Gasnetz dienen sollen, sollen bis zu fünf­zehn weitere Anlagen hin­zu­kom­men. Die VNG legt dabei einen Schwer­punk auf die Opti­mie­rung der Anlagen, so dass diese leis­tungs­fä­hi­ger werden. Bei den bis­he­ri­gen Betrei­bern scheint dies nicht der Fall zu sein. Das Invest wird aus­schließ­lich in Ost­deutsch­land im Bereich des Ontras-Netzes statt­fin­den.
  2. Quar­tiers­lö­sun­gen mit Vier­tel­en­er­gie. Hier will der Konzern dezen­trale Lösun­gen für Wohn­ge­biete und Indus­trie­ge­biete in kleinen und mitt­le­ren Städten in Ost­deutsch­land anbie­ten. Die Kon­zern­toch­ter Vier­tel­en­er­gie wurde gemein­sam mit dem Quar­tiers­spe­zia­lis­ten Tilia, eben­falls aus Leipzig, gegrün­det. Dem Vor­stand nach über­steigt das Inter­esse bei weitem die Erwar­tun­gen.
  3. Digi­tale Infra­struk­tur. Hier will die VNG unab­hän­gi­ger Anbie­ter siche­rer Daten­dienste werden. Das Haupt­au­gen­merk liegt auf Glas­fa­ser­lei­tun­gen, dem Ausbau des 5G-Netzes sowie dem Absi­chern kri­ti­scher Netz­struk­tu­ren.

Raus aus ver­staub­ter Ecke

Liegen die beiden ersten Berei­che noch nah am bis­he­ri­gen und aktu­el­len VNG-Hauptthema Energie, ist letz­te­res schon deut­lich ent­fern­ter davon. Die VNG will „ein biss­chen raus­kom­men aus der ver­staub­ten Ecke der Ener­gie­wirt­schaft und ein inno­va­ti­ves Unter­neh­men werden“, so Heit­mül­ler. Als äußeres Zeichen ver­zich­tete der Vor­stand während der Bilanz­pres­se­kon­fe­renz schon mal auf einen Schlips. Früher oder noch vor einem Jahr war das undenk­bar.

Doch an solchen Äußer­lich­kei­ten sollte man sich nicht auf­hän­gen. Der Vor­stand geht jeden­falls davon aus, dass im Jahre 2050 nur noch 25 Prozent mit Gas oder in der alten Ener­gie­welt erwirt­schaf­tet werden und 75 Prozent mit anderen Geschäf­ten. Ein sport­li­ches Vor­ha­ben, das auch sehr mutig ist wenn man sich anschaut, mit welchen Schwie­rig­kei­ten etwa EON oder innogy zu kämpfen haben, die ja eine ähn­li­che Stra­te­gie bevor­zu­gen. Der VNG bleibt zu wün­schen, dass sie den Sprung in die Zukunft schafft und dass ihr neuer Leit­sprich „Erdgas kann mehr, Wir auch“ mit Leben gefüllt wird. Es ist das größte Unter­neh­men in Ost­deutsch­land (wenn jetzt auch mit 75-prozentiger Mutter EnBW), das auch hier vor genau 60 Jahren gegrün­det und von hier aus gelei­tet wird.