Kontaktlos zahlen auch an der Tankstelle – einfach, schnell und sicher. Foto: girogo

Zahlen an der Tanke: Bargeld ist teuer

von | 11. Februar 2016

Pläne, Zahlungen ab 5000 Euro in Zukunft bargeldfrei zu machen, sind derzeit in der Diskussion. Tank­stellen waren schon immer Vorreiter beim bargeld­losen Zahlen. Dennoch fällt auch heir eine Menge Bargeld an. Deswegen sind sie täglich das Ziel von Überfällen. 

Meist haben es die Räuber auf Bargeld abgesehen. Doch werden sie in Zukunft diese Beute überhaupt noch vorfinden? Vordenker der Branche sagen: Nein! Bezahlt wird dann nur noch bargeld- und kontaktlos – so, wie sich das Politiker heute schon wünschen.

Bargeld ist nicht nur ein Sicher­heits­risiko. So absurd das klingen mag: Es ist recht teuer. Im Rahmen der EU-​weiten Payment Service Directive (PSD) wird sich die Beschaffung von Münzen und Scheinen verteuern. Ganz zu schweigen von stei­genden Gebühren für Wert­pa­pier­trans­porte. Neben dem Sicher­heits­aspekt sollten dies genug Gründe sein, über Wege abseits vom Bargeld nachzudenken.

Beim Zukunfts­forum Tank­stelle wurde nicht nur laut über Alter­na­tiven zum Cash nach­ge­dacht, sondern handfeste Lösungen gezeigt. Eine besonders gebräuch­liche ist die girocard, die land­läufig noch immer unter dem Namen EC-​Karte bekannt ist. An der Tank­stelle ist dies mit Abstand die belieb­teste Zahlungsart, weiß Jens Stolte. Der Unter­neh­mens­be­rater verwies darauf, dass gut 68 Prozent aller Tank­stel­len­kunden regel­mäßig ihr Geld auf diese Weise an der Tank­stelle lassen. Verglichen mit dem Einzel­handel ist dies ein sehr hoher Wert, denn dort zahlen noch gut 60 Prozent bar.

Bis 20 Euro wird bar gezahlt

Aufge­ladene Geld­karten sowie Kredit- und Kunden­karten spielen an der Tank­stelle kaum eine Rolle. Bargeld nutzen hingegen 37Prozent aller Kunden regel­mäßig. Bezahlt werden damit meist Beträge bis zu 20 Euro, und zwar von 95Prozent der Kunden. Davon will die Branche weg – hin zu unbaren Systemen. „Die Mine­ral­öl­branche wird auch hier ihrem Ruf als Trend­setter gerecht“, so Stolte. Denn schließlich sei das bargeldlose Bezahlen in Deutschland ganz eng mit den Tank­stellen verbunden.

Die Zukunft ist kontaktlos

Soll dies auch weiter so bleiben, wird die Branche aber auch den nächsten Schritt gehen müssen – den Weg zum kontakt­losen Bezahlen. Im März 2012 wagte Esso mit einer Tank­stelle in Hannover den Schritt nach vorn. Gemeinsam mit der Sparkasse führte der Öl-​Multi das am Markt bereits erprobte System girogo ein.

Mangelnde Kunden­ak­zeptanz musste dabei niemand fürchten. „43 Prozent aller Kunden könnten es sich auf jeden Fall vorstellen, in Zukunft kontaktlos zu bezahlen, 57 Prozent unter bestimmten Umständen“, so Stolte. Faktisch niemand könne es sich nicht vorstellen. Wunschträger-​Medium Nummer 1 ist die jetzt schon beliebte girocard, gefolgt von Smart­phone und Kredit­karte. Letztere ist jedoch in Deutschland, im Gegensatz zu anderen euro­päi­schen Ländern, nicht sehr verbreitet.

In einem seit April letzten Jahres laufenden Versuch im Großraum Hannover, in den die schon erwähnte Esso-​Tankstelle einge­bunden ist, nutzen gut 1,3 Millionen Inhaber von Giro­karten der dortigen Spar­kassen sowie Volks- und Raiff­ei­sen­banken das System. Ein neues Träger­medium ist nicht nötig, eine entspre­chend ausge­stattete Karte tut es auch. Und darauf läuft es hinaus. Denn die girocard hat schon jetzt eine Markt­ver­breitung von deutlich über 90 Millionen Exem­plaren, während Kredit­karten von Mastercard und Visa deutlich unter 20 Prozent stagnieren.

Karten bleiben passiv

Technisch gesehen werden die Karten mit einer eigenen Software sowie einer Antenne ausge­rüstet. So werden sie bei einem entspre­chenden Lesegerät auto­ma­tisch erkannt. „Die Karte selbst bleibt dabei passiv“, erklärt Stolte. Es sei ein weit­ver­brei­teter Irrtum, dass die Karte die Kunden-​Daten dauernd aussende, die dann auch miss­braucht werden könnten. Sicher­heits­lücken sind während der Testphase nicht aufgefallen.
Letztlich funk­tio­niere die Karte nur, wenn sie aktiv in das Nahfeld, etwa im Abstand von 2 bis 3 Zenti­meter vor das Terminal gehalten wird. Daher kommt auch der Name der Tech­no­logie, die so genannte Near Field Commu­ni­cation, kurz NFC. Die wiederum ist auch nicht an die Form einer Karte gebunden, sie kann sich auch in einer Gürtel­schnalle oder anderen Acces­soires befinden.

Die girogo-​Nutzer müssen ihren Chip auf der Karte vorher aufladen. Dazu gibt es zwei Möglich­keiten: Die eine nutzt einen Terminal mit PIN-​Eingabe (hier ist eine ebenfalls kontakt­freie Variante in einer zweiten Testphase angedacht). Angeboten wird dabei ein Betrag von 35 Euro, in der erwähnten Testphase sind es auch jene magischen 20 Euro, die an der Tank­stelle bisher über­wiegend bar bezahlt werden (siehe Brenn­stoff­spiegel 2/​12, Seite 36). Die andere ist ebenfalls „kontaktlos“ im Abo-​Verfahren. Dabei erfolgt das Aufladen bis zu einer Maxi­mal­grenze von 200 Euro automatisch.

Die Akzeptanz bei den Probanden ist ordentlich, belegt die nun in Düsseldorf vorge­stellte Auswertung. 67 Prozent sehen girogo tatsächlich als Alter­native zum Bargeld, insgesamt 89 Prozent bezahlen damit jetzt schon häufig bis gele­gentlich. Die ersten Erfah­rungen zeigen, dass vor allem jüngere Kunden das System annehmen.

Doch allein die Akzeptanz durch jüngere Tankstellen-​Kunden ist kaum ausrei­chend für eine flächen­de­ckende Einführung des Systems – es geht eben auch ums Geld: „Gerade für die Mine­ral­öl­branche ist es wichtig, dass girogo gegenüber Barzahlung und anderen Karten­sys­temen Einspa­rungen mit sich bringt“, weiß Stolte. Das Händ­ler­entgelt beträgt bei Zahlungen bis 5 Euro 1 Cent, bis 10 Euro werden 2 Cent fällig und bis 20 Euro 3 Cent je Trans­aktion. Das ist deutlich weniger als bei anderen Bezahlsystemen.

Ohne Karte und Kontakt geht auch

Vorteile gibt es noch mehr. So spart man schlichtweg Zeit beim Bezahlen. Stolte rechne mit effektiv einer Sekunde Bezahl­vorgang, da das Eingeben von PIN sowie Unter­schriften wegfallen. Die Kosten für das Bargeld­handling entfallen (vom eingangs erwähnten Sicher­heits­aspekt ganz zu schweigen) und girogo ist für Mobile Payment, also fürs Bezahlen von unterwegs gut geeignet. Dafür ist dann nicht mal mehr eine Karte nötig, denn die wird als App wie eine digitale Geldbörse, vergleichbar mit den schon gängigen Wallets, ins Handy inte­griert. Ob sich das durch­setzt, wird vor allem von den Fähig­keiten und Attrak­ti­vität der damit ausge­rüs­teten Handys abhängen. Und von den jugend­lichen Nutzern, die diese karten- und kontakt­freie Zahlungs­me­thode dann nutzen.

Keine dreckigen Geld­scheine ‑ bessere Hygiene

Daraus resul­tiert ein deutlich höherer Service: Ein schnel­lerer Check-​Out erhöht die Kunden­zu­frie­denheit. Weil in der gleichen Zeit wie zuvor mehr Kunden bedient werden können, kann ein Umsatzplus die Folge sein. Doch dies setzt natürlich einen höheren Kunden­strom voraus. Dieser wiederum könnte sich durch Mund-​zu-​Mund-​Propaganda einstellen, „weil es ja in dieser Tank­stelle besonders schnell geht“, so Stolte. Und schließlich: Kontaktlos ist immer hygie­ni­scher als Bargeld. Denn jeder zehnte Geld­schein, so Londoner Forscher bei einer Vorführung im Oktober letzten Jahres, ist bakte­riell regel­recht verseucht.


Geschrieben für Brenn­stoff­spiegel und für diesen Blog aktua­li­siert. Der voll­ständige Beitrag ist nur in der Ausgabe 01/​2013 zu lesen. Zum kosten­freien Probeabo geht es hier.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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