Die geplante Neuregelung der Netzentgelte stößt überwiegend auf Kritik. Foto: Frank Urbansky

Neue Netz­ent­gelt­struktur stößt auf Kritik

von | 22. Mai 2017

Die Vorstel­lungen der Bundes­re­gierung zur Entlastung von Haus­halten und Industrie bei den Stromnetz-​Kosten, nieder­gelegt im Gesetz zur Moder­ni­sierung der Netz­ent­gelt­struktur (Netz­ent­gelt­mo­der­ni­sie­rungs­gesetz /​NEMoG) sind bei Sach­ver­stän­digen auf Kritik gestoßen.

Die Bundes­re­gierung will die vermie­denen Netz­ent­gelte zunächst einfrieren und dann schritt­weise redu­zieren: „Perspek­ti­visch ist vorge­sehen, das Instrument der Entgelte für dezen­trale Erzeu­gungs­an­lagen, die aus den Netz­ent­gelten finan­ziert werden, bis zum Jahr 2030 abzu­schaffen“, heißt es im Gesetzentwurf.

Ein Kernpunkt ist die Vergütung, die dezen­trale Ener­gie­pro­du­zenten bekommen, weil die Einspeisung ihres Stroms in regionale Netze weniger aufwendig sei als bei Groß­kraft­werken, deren Energie zunächst durch vorge­la­gerte Netze mit höherer Spannung geleitet wird. Die Bundes­re­gierung sieht vor, dass diese Zahlungen aus solchen vermie­denen Netz­ent­gelten schritt­weise auslaufen sollen. Denn der Anstieg der dezen­tralen Erzeugung habe zuneh­mende Netz­kosten verur­sacht, weil deren Strom in vermehrtem Maße nicht mehr vor Ort verbraucht, sondern doch über die vorge­la­gerten Netze in den Markt gebracht werde.

Der Bundes­verband der Energie- und Wasser­wirt­schaft (BDEW) lehnte ein solches Vorgehen ab – auch mit Blick auf die dras­ti­schen Auswir­kungen auf die Wirt­schaft­lichkeit und den Weiter­be­trieb dieser Anlagen. Das Prinzip der vermie­denen Netz­ent­gelte habe für steu­erbare dezen­trale Einspeisung weiterhin seine Berech­tigung – wobei es insbe­sondere um Anlagen der Kraft-​Wärme-​Kopplung (KWK) geht. Er schlug aber die Abschaffung für volatil einspei­sende Photovoltaik- und Wind­ener­gie­an­lagen gleich zum nächsten Jahres­wechsel vor.

Der Bundes­verband der Deutschen Industrie (BDI) begrüßte, dass die Bundes­re­gierung die Kosten der Ener­gie­wende in den Netz­ent­gelten fair und trans­parent verteilen wolle. Doch vermisste er ein Gesamtkonzept.

Keine einhel­tichen Entgelte

Der Über­tra­gungs­netz­be­treiber Amprion GmbH sprach sich gegen eine Verein­heit­li­chung der Netz­ent­gelte im Über­tra­gungsnetz aus – und warnte vor negativen Folgen für die Volks­wirt­schaft. Einer gering­fü­gigen Entlastung der Kunden im Norden und Osten stünde eine massive Belastung der Industrie im Westen und Süden gegenüber. Die Abschaffung der vermie­denen Netz­ent­gelte für die volatile Erzeugung sollte schnellst­möglich umgesetzt werden.

Kritisch sah der Verband kommu­naler Unter­nehmen (VKU), dass die grund­sätzlich gebotene und sach­ge­rechte Unter­scheidung zwischen volatilen und steu­er­baren Anlagen nicht ausrei­chend vorge­nommen werde. Volatile Strom­erzeugung mit ihrer Wetter­ab­hän­gigkeit erfordere eher Netz­ausbau statt Netz­nutzung zu vermindern. Die vermie­denen Netz­ent­gelte seien bei KWK-​Anlagen Bestandteil der Kalku­lation gewesen. Jetzt drohe, dass sie nicht mehr wirt­schaftlich seien und zu einem beträcht­lichen Teil womöglich still­gelegt würden.

Der Über­tra­gungs­netz­be­treiber 50Hertz strich heraus, dass Regionen mit einer besonders hohen Einspeisung Erneu­er­barer Energien syste­ma­tisch benach­teiligt würden. Eine Verein­heit­li­chung der Über­tra­gungs­netz­ent­gelte sei unerlässlich.

KWK benach­teiligt

Adi Golbach von KWK kommt las aus der Geset­zes­be­gründung heraus, dass die Inter­essen der Strom­ver­braucher an niedrigen Nutz­ent­gelten gegen die dezen­tralen Erzeuger unge­recht­fer­tigter Weise in Stellung gebracht würden. Damit stehe der Gesetz­entwurf den Zielen der Ener­gie­wende entgegen. Die Begründung für das Vorhaben der Bundes­re­gierung stehe nicht auf tönernen Füßen, sondern auf gar keinen Füßen.

Wolfgang Zander, Büro für Ener­gie­wirt­schaft und tech­nische Planung GmbH (BET), bean­standete, dass der Gesetz­entwurf nicht unter­scheide zwischen volatilen, nicht steu­er­baren Anlagen und dem Bereich der steu­er­baren dezen­tralen Einspei­sungen, die in vielen Fällen nach­haltig zur Entlastung der Netze beitrügen.

Auf eben diesen Unter­schied hob auch Klaus Ritgen (Deutscher Land­kreistag) ab. Überdies setzte er sich zwar von der Ziel­richtung her für eine Anglei­chung der Über­tra­gungs­netz­ent­gelte ein. Aller­dings müssten dabei die regio­nalen Beson­der­heiten berück­sichtigt werden.


Mit smar­ten Tech­no­logien, die auch zur Steuerung von Strom­spei­chern ein­zu­set­zen sind, befasst sich auch Energieblogger-​Kollege Björn Katz hier auf sei­nem Blog Strom­aus­kunft.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

0 Kommentare

EnWiPo
EnWiPo
SF6 wird als Isoliergas Schritt für Schritt abgeschafft

SF6 wird als Isoliergas Schritt für Schritt abgeschafft

Schwefelhexafluorid hat als Isoliergas viele Vorteile, aber einen entscheidenden Nachteil: sein sehr hohes Treibhausgaspotenzial. Deshalb soll es schrittweise aus dem Verkehr gezogen werden. Erste Unternehmen setzen dies bereits um. Schwefelhexafluorid (SF6) ist ein...

Weniger ist manchmal mehr

Weniger ist manchmal mehr

Politische Vorgaben von der EU bis zum Bund stellen Immobilienbesitzer vor schwierige Entscheidungen. Wie soll eine Immobilie in Zukunft ESG-konform, also nachhaltig, beheizt werden? Und ist das auch effizient, sprich bezahlbar? Ausgenommen sind zunächst diejenigen,...

„Heizungs­in­ves­tition – kümmert euch jetzt!”

Heizungs­in­ves­tition – kümmert euch jetzt!”

Interview mit Sebastian Herkel, Fraunhofer ISE, Abteilungsleiter energieeffiziente Gebäude. Immobilienwirtschaft: Wie sehen Sie das aktuelle Regelwerk in Bezug auf mehr Effizienz in Immobilien? Sebastian Herkel: Letztes Jahr haben wir ein ziemlich komplexes Regelwerk...

„Heizungs­in­ves­tition – kümmert euch jetzt!”

Heizungs­in­ves­tition – kümmert euch jetzt!”

Interview mit Sebastian Herkel, Fraunhofer ISE, Abteilungsleiter energieeffiziente Gebäude. Immobilienwirtschaft: Wie sehen Sie das aktuelle Regelwerk in Bezug auf mehr Effizienz in Immobilien? Sebastian Herkel: Letztes Jahr haben wir ein ziemlich komplexes Regelwerk...