Neue Netz­ent­gelt­struk­tur stößt auf Kritik

Übertragungsnetze sollen bei den geplanten Trassen Suedlink und Suedostlink zumeist als Erdkabel verlegt werden. Das vervielfacht die Baukosten. Foto: UrbanskyÜbertragungsnetze sollen bei den geplanten Trassen Suedlink und Suedostlink zumeist als Erdkabel verlegt werden. Das vervielfacht die Baukosten. Foto: Urbansky
Die geplante Neuregelung der Netzentgelte stößt überwiegend auf Kritik. Foto: Frank Urbansky

Die Vor­stel­lun­gen der Bun­des­re­gie­rung zur Ent­las­tung von Haus­hal­ten und Indus­trie bei den Stromnetz-Kosten, nie­der­ge­legt im Gesetz zur Moder­ni­sie­rung der Netz­ent­gelt­struk­tur (Netz­ent­gelt­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz / NEMoG) sind bei Sach­ver­stän­di­gen auf Kritik gesto­ßen.

Die Bun­des­re­gie­rung will die ver­mie­de­nen Netz­ent­gelte zunächst ein­frie­ren und dann schritt­weise redu­zie­ren: „Per­spek­ti­visch ist vor­ge­se­hen, das Instru­ment der Ent­gelte für dezen­trale Erzeu­gungs­an­la­gen, die aus den Netz­ent­gel­ten finan­ziert werden, bis zum Jahr 2030 abzu­schaf­fen“, heißt es im Gesetz­ent­wurf.

Ein Kern­punkt ist die Ver­gü­tung, die dezen­trale Ener­gie­pro­du­zen­ten bekom­men, weil die Ein­spei­sung ihres Stroms in regio­nale Netze weniger auf­wen­dig sei als bei Groß­kraft­wer­ken, deren Energie zunächst durch vor­ge­la­gerte Netze mit höherer Span­nung gelei­tet wird. Die Bun­des­re­gie­rung sieht vor, dass diese Zah­lun­gen aus solchen ver­mie­de­nen Netz­ent­gel­ten schritt­weise aus­lau­fen sollen. Denn der Anstieg der dezen­tra­len Erzeu­gung habe zuneh­mende Netz­kos­ten ver­ur­sacht, weil deren Strom in ver­mehr­tem Maße nicht mehr vor Ort ver­braucht, sondern doch über die vor­ge­la­ger­ten Netze in den Markt gebracht werde.

Der Bun­des­ver­band der Energie- und Was­ser­wirt­schaft (BDEW) lehnte ein solches Vor­ge­hen ab — auch mit Blick auf die dras­ti­schen Aus­wir­kun­gen auf die Wirt­schaft­lich­keit und den Wei­ter­be­trieb dieser Anlagen. Das Prinzip der ver­mie­de­nen Netz­ent­gelte habe für steu­er­bare dezen­trale Ein­spei­sung wei­ter­hin seine Berech­ti­gung — wobei es ins­be­son­dere um Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) geht. Er schlug aber die Abschaf­fung für volatil ein­spei­sende Photovoltaik- und Wind­ener­gie­an­la­gen gleich zum nächs­ten Jah­res­wech­sel vor.

Der Bun­des­ver­band der Deut­schen Indus­trie (BDI) begrüßte, dass die Bun­des­re­gie­rung die Kosten der Ener­gie­wende in den Netz­ent­gel­ten fair und trans­pa­rent ver­tei­len wolle. Doch ver­misste er ein Gesamt­kon­zept.

Keine einhel­ti­chen Ent­gelte

Der Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber Amprion GmbH sprach sich gegen eine Ver­ein­heit­li­chung der Netz­ent­gelte im Über­tra­gungs­netz aus — und warnte vor nega­ti­ven Folgen für die Volks­wirt­schaft. Einer gering­fü­gi­gen Ent­las­tung der Kunden im Norden und Osten stünde eine massive Belas­tung der Indus­trie im Westen und Süden gegen­über. Die Abschaf­fung der ver­mie­de­nen Netz­ent­gelte für die vola­tile Erzeu­gung sollte schnellst­mög­lich umge­setzt werden.

Kri­tisch sah der Verband kom­mu­na­ler Unter­neh­men (VKU), dass die grund­sätz­lich gebo­tene und sach­ge­rechte Unter­schei­dung zwi­schen vola­ti­len und steu­er­ba­ren Anlagen nicht aus­rei­chend vor­ge­nom­men werde. Vola­tile Strom­erzeu­gung mit ihrer Wet­ter­ab­hän­gig­keit erfor­dere eher Netz­aus­bau statt Netz­nut­zung zu ver­min­dern. Die ver­mie­de­nen Netz­ent­gelte seien bei KWK-Anlagen Bestand­teil der Kal­ku­la­tion gewesen. Jetzt drohe, dass sie nicht mehr wirt­schaft­lich seien und zu einem beträcht­li­chen Teil womög­lich still­ge­legt würden.

Der Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber 50Hertz strich heraus, dass Regio­nen mit einer beson­ders hohen Ein­spei­sung Erneu­er­ba­rer Ener­gien sys­te­ma­tisch benach­tei­ligt würden. Eine Ver­ein­heit­li­chung der Über­tra­gungs­netz­ent­gelte sei uner­läss­lich.

KWK benach­tei­ligt

Adi Golbach von KWK kommt las aus der Geset­zes­be­grün­dung heraus, dass die Inter­es­sen der Strom­ver­brau­cher an nied­ri­gen Nutz­ent­gel­ten gegen die dezen­tra­len Erzeu­ger unge­recht­fer­tig­ter Weise in Stel­lung gebracht würden. Damit stehe der Gesetz­ent­wurf den Zielen der Ener­gie­wende ent­ge­gen. Die Begrün­dung für das Vor­ha­ben der Bun­des­re­gie­rung stehe nicht auf töner­nen Füßen, sondern auf gar keinen Füßen.

Wolf­gang Zander, Büro für Ener­gie­wirt­schaft und tech­ni­sche Planung GmbH (BET), bean­stan­dete, dass der Gesetz­ent­wurf nicht unter­scheide zwi­schen vola­ti­len, nicht steu­er­ba­ren Anlagen und dem Bereich der steu­er­ba­ren dezen­tra­len Ein­spei­sun­gen, die in vielen Fällen nach­hal­tig zur Ent­las­tung der Netze bei­trü­gen.

Auf eben diesen Unter­schied hob auch Klaus Ritgen (Deut­scher Land­kreis­tag) ab. Über­dies setzte er sich zwar von der Ziel­rich­tung her für eine Anglei­chung der Über­tra­gungs­netz­ent­gelte ein. Aller­dings müssten dabei die regio­na­len Beson­der­hei­ten berück­sich­tigt werden.


Mit smar­ten Tech­no­lo­gien, die auch zur Steue­rung von Strom­spei­chern ein­zu­set­zen sind, befasst sich auch Energieblogger-Kollege Björn Katz hier auf sei­nem Blog Strom­aus­kunft.