Trotz Energiekrise, geopolitischer Spannungen und volatiler Märkte zeigt sich Deutschlands Energieversorgung heute robuster als vielfach angenommen. Doch wie stabil sind Strom- und Gasversorgung tatsächlich? Welche Preisrisiken drohen der Industrie – und wie realistisch ist der Wasserstoffhochlauf? Nachhaltige Industrie sprach mit Dr. Sylwia Bialek-Gregory, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI), über Versorgungssicherheit, Energiepreise, Netzausbau und die Herausforderungen für eine klimaneutrale Industrie.
Nachhaltige Industrie: Frau Dr. Bialek-Gregory, wie schätzen Sie derzeit die Versorgungssicherheit und Preisstabilität für Strom und Gas in Deutschland ein? Und was sind die größten kurzfristigen Risikotreiber für Produktionsbetriebe?
Sylwia Bialek-Gregory: Die Versorgungssicherheit ist in Deutschland aktuell gegeben – sowohl im Hinblick auf die Infrastruktur als auch auf die Marktprozesse. Gleichzeitig nehmen jedoch die Risiken für die Zuverlässigkeit der Versorgung zu. Dennoch kann die Versorgungssicherheit in den kommenden Jahren aufrechterhalten werden, wenn wir im Stromsektor gezielt nachsteuern. Darauf weist das EWI auch im aktuellen Energiewende-Monitoring hin.
Dass die Versorgungssicherheit hierzulande aktuell auf sehr hohem Niveau liegt, zeigt der sogenannte SAIDI-Index, der die durchschnittliche Dauer von Versorgungsunterbrechungen pro Kunde misst. Mit weniger als 14 Minuten Stromausfällen und etwa zwei Minuten Gasunterbrechungen gehört Deutschland weltweit zu den Ländern mit der stabilsten Energieversorgung. Zum Vergleich: In den USA mussten Verbraucher im Jahr 2023 im Schnitt fast zwei Stunden ohne Strom auskommen – in West Virginia sogar rund sechs Stunden. Wir sprechen also von ganz anderen Größenordnungen.
Ein Nachteil des SAIDI-Index ist jedoch, dass er Kurzunterbrechungen unter drei Minuten sowie Spannungsprobleme nicht berücksichtigt. Gerade solche kurzen Schwankungen können in industriellen Produktionsprozessen erhebliche Schäden verursachen. Tatsächlich melden Unternehmen hier zunehmend Schwierigkeiten. Diese lassen sich aber meist durch eigene Vorsorgemaßnahmen wie Schwungräder, Batteriesysteme oder eine gute Abstimmung mit den Netzbetreibern abfangen. Auch eine Betriebsunterbrechungsversicherung kann sinnvoll sein.
Kurzfristige Risiken für die Versorgungssicherheit entstehen vor allem durch geopolitische Entwicklungen oder extreme Wetterereignisse. Das sind jedoch keine spezifisch deutschen Risiken, sondern treffen viele Länder gleichermaßen. …
Gekürzt. Geschrieben für das Magazin Nachhaltige Industrie von Springer.




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