Könnte irgendwann der Vergangenheit angehören: Absturzsicherung und Laufsteg. Foto: Urbansky

Oben ohne: Mehr Zeit, mehr Sicherheit, weniger Gestank

von | 31. März 2015

In Tank­lägern, in denen Mine­ral­öl­pro­dukte umge­schlagen werden, ist es unüber­sehbar: Immer mehr Tankwagen sind oben ohne und werden von unten befüllt. Bottom-​Loading verdrängt langsam das Top-​Loading. Die Gründe sind nahe­liegend: Kein Fahrer kann von seinem Tank fallen, schneller geht’s auch und es riecht nicht!

Schutzhelm, Haltegurt, eventuell noch eine Atemmaske? Was beim Oben-​Befüllen von Tankwagen (Tkw) an Lade­stellen für Kraft­stoffe und Heizöl bisher Standard war, könnte langsam verschwinden. Denn der Trend geht zwar nicht abwärts, aber doch deutlich nach unten. Immer mehr Tkw kann man von unten befüllen oder sie sind zumindest dafür vorge­richtet. „Wir stellen eine verstärkte Nachfrage nach Fahr­zeugen mit Unten­be­füllung fest. Auch kleine und mittlere Händler rüsten vorhandene Zwischen-​Lager verstärkt um“, konsta­tiert Erhard Gunkel, Leiter Produkt­gruppe Stra­ßen­tank­wagen bei Esterer

Die Gründe sind nahe­liegend: Weniger Zeit, mehr Sicherheit und mehr Gesundheit. Denn letzteres ist ein gene­relles Problem bei der Oben-​Variante: Wenn die Flüs­sigkeit in die Tkws fließt, werden die dort vorhan­denen Gase der vorhe­rigen Befüllung nach oben verdrängt. Und genau da steht der Tkw-Fahrer.

Für den modernen Ener­gie­händler stehen jedoch Zeit und Sicherheit im Vorder­grund. „Beim Top-​Loading nutzt man nur einen Füllarm. Im Bottom-​Loading können hingegen bis zu vier Produkte gleich­zeitig verladen werden. An einigen Lade­stellen sind für Diesel oder Heizöl sogar zwei Ladearme je Produkt vorhanden. Der Lade­vorgang verkürzt sich also“, erläutert Kai Mattejat, Logis­tiker bei Boie in Lübeck.

In diesem Zusam­menhang erkennt Bernd Wahr noch einen weiteren Vorteil. „Wenn man Benzin für die Tank­stelle fährt und den Direkt­aus­läufer im tatsäch­lichen Sinne zur Produkt­trennung mit einem Rohr zu Kammer einsetzt , ist das ein großer Vorteil, weil ich eine 100prozentige Produkt­trennung habe“, so der Händler aus Nagold.

Das ist wie Skilanglauf im klas­si­schen Stil oder im Skating“, weiß Stefan Plöchinger von Rosa in Zirndorf. „Mit beiden kommt man ans Ziel. Beim Skating jedoch schneller und mit deutlich mehr Spaß.“ Aller­dings sei bei ihm auch noch niemand vom Lkw gefallen.

Mitar­beiter motiviert

Keine Probleme gibt es mit der Umstellung bei den eigenen Mitar­beitern. Die sind von den Vorteilen eh schon überzeugt, allein schon deshalb, weil Umrüsten, lästiges Klettern auf den Tank und Balan­cieren mit Haltegurt auf Füll­bühnen sowie Lauf­stegen entfallen. Bei Rosa wurden die Mitar­beiter vorab geschult. Wer bei Rosa arbeiten will, kommt um die Unten-​Verladung eh nicht mehr rum. Denn im Prinzip verfügen dort alle Tkw über eine Bottom-​Lösung und die Hälfte hat zusätzlich ein Top-​Loading. Der größte Teil der Fahrzeuge bei Wahr verfügen ebenfalls über Top-​Loading, „aber auch nur deshalb“, so Wahr, „weil wir in den Lägern in Tier und Mannheim nur von oben beladen können.“ Ein weiterer Grund: Biodiesel wird bei ihm grund­sätzlich von oben einge­füllt. Deswegen verfüge er immer noch über mehrere Tkw, die das können.

Wer sich für diese beliebte und sehr zukunfts­fähige Verla­deform entscheidet, sollte das zeitig tun. Denn einen vorhan­denen Tkw umzu­rüsten, kann leicht ins finan­zielle Desaster führen. Am Anfang habe man das in Kauf genommen und Fahrzeuge komplett umge­rüstet, so Wahr. Ein Auto, das älter als 10 Jahre alt ist, lohne sich dafür nicht mehr. Denn die Kosten von 20.000 bis 25.000 Euro seien dann kaum noch einzu­spielen. Deswegen empfiehlt er, das Fahrzeug schon mit einer bottom­fä­higen Vorein­richtung zu kaufen. Falls die Tkws ab Werk schon fürs Bottom-​Loading vorge­rüstet sind, könne man nach Schät­zungen der Händler und Tkw-​Besitzer mit 8.000 Euro bis 15.000 Euro hinkommen.

Trend: schon vorgerüstet

Die Hersteller haben sich schon längst darauf einge­stellt. Im Prinzip werden fast nur noch Tkw ausge­liefert, die bereits im Tankraum für die Unten­be­füllung vorge­rüstet sind, sprich – alle Rohre sind verlegt. Es fehlt nur noch an den äußeren Armaturen. Das spart bei einer späteren Umrüstung deutlich Kosten. „Die könnten ohne Vorrichtung bis zu 50 Prozent betragen. Unser Design beinhaltet deshalb grund­sätzlich für die Unten­be­füllung verwendbare Kompo­nenten“, bestätigt dies Gunkel. Dafür würde das Sammelrohr für die Gasrück­führung in das Seitenwand-​Profil der Domwanne inte­griert. Eine Seiten­blende ermög­liche die einfache Inte­gration des API-Schrankes.

Kunden, die sich bei Neuan­schaffung noch nicht für eine Unten­be­füllung entscheiden können, empfehlen wir unbedingt die tank­seitige Vorrüstung“, so Gunkel weiter. Der im hessi­schen Helsa ansässige Tkw-​Spezialist bietet zudem eine erwei­terte Vorrüstung an. Dazu gehören API-​Schrank und Distanz­stück. Die Nach­rüstung wäre dann sogar ohne neue Lackier­ar­beiten möglich. Demge­genüber stünden einige Einspa­rungen bei Kosten- und Gewicht, da Aufstiegs­leiter und deren Halterung sowie die Laufroste über­flüssig seien.

Kost­spielige Lägerumrüstung

Auf Seiten der Läger ist ebenso einiges voraus­schauend zu beachten. Verein­zelte Läger, die nur Top-​Loading anbieten, wie die bereits genannten, exis­tieren nach wie vor. „Die wird es auch noch eine Weile geben“, so Dr. Henning Abendroth, Geschäfts­führer des Unab­hän­gigen Tank­la­ger­ver­bandes (UTV). „Denn wir müssen beachten, dass nach wie vor noch viele Top-​Loading-​Fahrzeuge unterwegs sind.“ Für viele kleinere Händler sei eine Umrüstung zuerst immer eine Inves­tition, die sich nicht unbedingt und direkt lohne, da man damit keinen Kunden zusätzlich gewinne und somit Umsatz und Erlös gleich blieben. Vor einem Hype zum Bottom-​Loading warnt auch Plöchinger: „Mit Top-​Loading kommen wir genau so zurecht.“

Die Inves­ti­tionen und zwar in deutlich höherem Umfang, haben auch die Läger zu tragen. „Generell ist eine Umrüstung stark von den jewei­ligen lokalen Gege­ben­heiten abhängig“, so Dr. Abendroth. „Als Richtwert für eine komplette Bühne mit Otto­kraft­stoff, Diesel und Heizöl wären etwa 300.000 bis 500.000 Euro zu veran­schlagen.“ Zudem sollte man bedenken, dass aus Platz­gründen für eine Bottom-​Bühne gege­be­nen­falls gar zwei Top-​Bühnen „geopfert“ werden müssten.

Demge­genüber ständen jedoch auch Einspa­rungen. „Der bauliche Aufwand verringert sich deutlich. Verla­de­bühne, Klapp­treppen, Absturz­si­che­rungen entfallen“, so Gunkel. „Zudem kann man beim Bau einer Umschlag­anlage auf eine Abfüll­fläche sowie die entspre­chende Abschei­de­technik völlig verzichten.

Dennoch wäre es verfrüht, der Oben-​Variante das Ster­be­glöcklein zu läuten. „Früher ging es ja auch ohne Bottom-​Loading“, so Plöchinger. Aller­dings sei es dann damit vorbei, wenn die Läger alle umge­rüstet würden. „Solange es jedoch welche gibt, die nur von oben befüllen, brauchen wir auch Top-​Tkw“, pflichtet Wahr bei. „Lang­fristig aber“, so Mattejat, „wird es aufgrund der Sicher­heits­er­wä­gungen, der Zeit­er­sparnis und des besseren Handlings vom Bottom-​Loading verdrängt werden und ganz verschwinden.“

Geschrieben für Brenn­stoff­spiegel. Der gesamte Beitrag ist nur dort zu lesen (Ausgabe 9/​2011)

Vorschaubild: Könnte irgendwann der Vergan­genheit angehören: Absturz­si­cherung und Laufsteg. Foto: Urbansky

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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