Carbon Bubbles – was ist dran

Lebt von Vorräten, die aus finanztechnischer Sicht zu Carbon Bubbles werden könnten: Kraftwerk Boxberg. Foto: Bernd Schnabel / Vattenfall
Foto: Bernd Schnabel / Vattenfall

Die Ankündigung der Allianz, in Zukunft nicht mehr in Geschäfte mit Braunkohle zu inves­tie­ren, schaffte es bis in die Tagesthemen. Der Versicherungskonzern scheint damit einen Nerv getrof­fen zu haben. Der Rockefeller-Clan zieht sich gar aus dem Geschäft mit allen Fossilen, auch Öl, zurück – obwohl er einst dadurch reich wurde. Gerade die­ses Beispiel beweist, dass von die­sem Disinvestment auch die Mineralölbranche betrof­fen sein kann. Doch was droht schlimms­ten­falls?

Vorerst scheint vor allem die Braunkohlewirtschaft betrof­fen. Der Ausstieg von Norwegens Staatsfond aus der koh­le­ver­stro­men­den RWE passt ebenso ins Bild wie die Pläne Vattenfalls, seine ost­deut­sche Braunkohlensparte abzu­sto­ßen. Und auch die Bundesregierung gießt noch Öl ins Feuer, mahnt sie doch Banken zur Vorsicht bei Investitionen in Unternehmen der fos­si­len Energiewirtschaft, die unter den Folgen poli­ti­scher Entscheidungen lei­den könn­ten. Sprich: Erst zün­deln und dann war­nen.

Immerhin schränkt die Regierung ein, dass eine plötz­li­che Börsenkorrektur von über­be­wer­te­ten Öl- und Energiekonzernen die Finanzmärkte nicht gefähr­den müss­ten. Genau diese Finanzmärkte sor­gen für Liquididät eben auch in der Energiewirtschaft, der fos­si­len wie der erneu­er­ba­ren – auch wenn letz­tere sich zusätz­lich noch über einige Subventionen freuen darf.

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Klimaschutz? Nimmt man mit.

Der Grund für Allianz und Co. ist ein ganz ein­fa­cher: Er liegt nicht etwa im Klimaschutz, auch wenn man das gern so ver­kauft, son­dern in den so genann­ten Carbon Bubbles. Damit wer­den in der Finanzwelt Kohlen- und Kohlenwasserstofflagerstätten bezeich­net, deren Abbau geplant ist und die als Firmenwerte ein­ge­bucht sind, jedoch wohl nicht mehr genutzt wer­den kön­nen.

Als Beispiel kann der Braunkoheltagebau Nochten II von Vattenfall die­nen, auch wenn des­sen Firmenanteile nicht an der Börse gehan­delt wer­den. (Eine Analyse zum der­zeit von Vattenfall ange­streb­ten Verkauf der Kohlesparte hat mein Energieblogger-Kollege Thorsten Zoerner hier in sei­nem Blog Stromhaltig ver­fasst.) Hier lie­gen 300 Millionen Tonnen Braunkohle, deren Abbau zwar bereits geneh­migt wurde, der jedoch kei­nes­wegs gewiss ist. Zu groß ist der Protest in der Lausitz, so dass auch Politiker aller Parteien den Abbau in Frage stel­len. Der Wert der dort lagern­den Braunkohle, geschätzte drei Milliarden Euro, müsste dann in der Firmenbilanz bis auf Null gesetzt und ent­spre­chend abge­schrie­ben wer­den. Ähnliches erlebte RWE mit der poli­ti­sch gewoll­ten Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler II, die ein Minus von 400 Millionen Tonnen Braunkohle oder etwa vier Milliarden Euro bedeu­tete.

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Reine Investments verlieren an Wert

Für Anleger wie die Allianz ist dies ein tat­säch­li­ches finan­zi­el­les Risiko, weil ihr Investment dadurch an Wert ver­liert. Wie das aus­ge­hen kann, zeigt ein Blick über den Atlantik. Der Aktienkurs des größ­ten US-Braunkohleförderers Peabody rutschte seit 2011 von 1091 US-Dollar auf 12 Dollar der­zeit. Das ent­spricht einem sagen­haf­ten Verlust von 99 Prozent. Aktuell mach das Gerücht von sei­ner Insolvenz die Runde.

Der Londoner ThinkTank Carbon Tracker Initiative schätzt, dass bis 2025 rund 2 Billionen US-Dollar an Unternehmenswerten ver­lo­ren gehen könn­ten – gerech­net bei einem 2-Grad-Ziel der Weltklimakonferenz in Paris. Dort wur­den sogar 1,5 Grad maxi­male Erderwärmung bis zum Jahr 2100 ange­strebt. Das dürfte die Lage zusätz­lich ver­schär­fen. Immerhin – eine extreme Dekarbonisierungsstrategie beschlos­sen die Delegierten dort nicht.


Geschrieben für Brennstoffspiegel. Der voll­stän­dige Beitrag ist nur in der Ausgabe 03/2016 zu lesen. Zum kos­ten­freien Probeabo geht es hier.