Heizkraftwerk Heilbronn. Foto: Daniel Meier-Gerber / EnBW

Kapa­zi­täts­re­serve: Verur­sacher kräftig zur Kasse bitten

von | 24. September 2015

Deutschland wird entweder gescholten oder gelobt, manchmal auch belächelt für seine Vorrei­ter­rolle bei der Ener­gie­wende. Selbst dieses Wort wird in andere Sprachen über­nommen. Auch wenn derzeit scheinbar die Bremser am Drücker sind und wichtige Maßnahmen hin zu einer dekar­bo­ni­sierten Volks­wirt­schaft zurück­nehmen oder zeitlich strecken, so bleibt die Richtung doch gleich. 2050 soll 80 % aller Energie hier­zu­lande aus rege­ne­ra­tiven Quellen stammen. An diesem Zeil rüttelt niemand. Doch der Weg dahin ist kein leichter, kein gerader, sondern eher einer mit vielen Sack­gassen und moras­tigen Wegen.

Mit Rainer Baake hat als Staats­se­kretär im Wirt­schafts­mi­nis­terium nun jemand den Hut für dieses Jahr­hun­dert­projekt auf, der sowohl der etablierten und fossil geprägten Ener­gie­wirt­schaft Paroli bieten kann, aber auch den Erneu­er­baren wichtige Vorgaben macht und auf ihre Markt­fä­higkeit dringt. Bei der gestrigen Veran­staltung der auf Ener­gie­recht spezia­li­sierten Kanzlei Becker Büttner Held in Berlin sagte er denn auch unum­wunden, dass die Ener­gie­wende auch bei den Erneu­er­baren Gewinner und Verlierer kennt. Während er Windkraft und Photo­voltaik auf der Sieger­straße sieht, geht es für Biogas nur noch bergab.

Ener­gie­wende nur euro­päisch denkbar

Baake gab bei jenem Treffen von Top-​Entscheidern der Ener­gie­wirt­schaft und der ener­gie­ver­brau­chenden Industrie auch einen Einblick und einen Ausblick, wie das Riesen­projekt Ener­gie­wende gelingen kann – wenn auch leider beschränkt auf den Strom­markt. Für ihn wichtig ist der euro­päische Ansatz. Das betrifft vor allem alle Nach­bar­länder Deutsch­lands sowie der Ostsee­an­rainern. Mit jenen hat Deutschland Verträge zur Schaffung eines stabilen Ener­gie­netzes. Jüngste Errun­gen­schaft: Ein Strom­kabel nach Norwegen, das noch in diesem Jahr fertig werden soll.

Sich selbst stabi­li­sie­rendes Netz

Baake denkt Netze europaweit. Foto: Urbansky

Baake denkt Netze euro­paweit. Foto: Urbansky

Baake will ein sich selbst stabi­li­sie­rendes Netz, das garan­tiert ohne staat­liche Eingriffe auskommt. Diese Stabi­lität will er in Deutschland vorerst mit einer Kapa­zi­täts­re­serve, die aus still­ge­legten Braun­koh­le­kraft­werken besteht, erkaufen. Doch deren Gebrauch soll nicht zu Kosten des Staates gehen, sondern zu denen des Verur­sa­chers. Falls ein Verbraucher die Reserve in Anspruch nimmt, weil er seinen Bedarf, um es vorsichtig zu sagen, schlecht geplant hat oder sich am Markt kein Preis für seinen Bedarf gebildet hat, soll er für die Kosten aufkommen, die nach Baake dann eben nicht 30 Euro je MWh wie derzeit betragen könnten, sondern 20.000 Euro je MWh. Zu beant­worten wäre noch die Frage:, wie Endkunden davor geschützt werden können, an diesen Mehr­kosten beteiligt zu werden.

Ob die euro­päi­schen Nachbarn diesen Sonderweg mitgehen, bleibt abzu­warten. Richtig ist der Ansatz, euro­paweit zu denken und netz­seitig die Nachbarn mit einzu­be­ziehen, allemal. Strom ist nun mal kein Gut, das sich physisch abge­grenzt von A nach B trans­por­tieren lässt. Deswegen ist das größt­möglich verfügbare Netz mit seinen Akteuren immer auch Reserve, Speicher und Trans­porteur in einem. 

Vorschaubild: Das Heiz­kraftwerk Heilbronn der EnBW bleibt mit seinen 125 MW als Reser­ve­kraftwerk erhalten. Foto: Daniel Meier-​Gerber /​EnBW

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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