Prozesswärmekessel einer Fernwärmeanlage. Foto: BDH

Nah- und Fernwärme: Zukunft nur mit Erneuerbaren

von | 7. Oktober 2015

Nachdem gestern an dieser Stelle das Nicht­er­reichen der Wärmewende-​Ziele im Mittel­punkt stand, geht es heute um die zukünftige Rolle von Nah-​sowie Fern­wär­me­netzen, die ebenfalls in der Meta­analyse „Ener­gie­wende im Wärme­sektor“ der Agentur für Erneu­erbare Energien (AEE) behandelt wurden.

Dabei wird in der Studie das Paradoxon klar skizziert:

Ein sinkender Wärme­bedarf von Gebäuden und nied­rigere Vorlauf­tem­pe­ra­turen stellen die tradi­tio­nelle leitungs­ge­bundene Versorgung mit Fernwärme vor neue Heraus­for­de­rungen. Bei einem abneh­menden Wärme­absatz, aber gleich blei­benden Fixkosten für die Wärme­ver­teilung sinkt ihre Wirtschaftlichkeit. 

Gleiches gilt natürlich auch für Erdgas­netze. Wie nun ist dieses Dilemma zu lösen?

Dezentral auf dem Lande

Hoch verdichtete Sied­lungs­räume können nach Meinung fast aller Studien auch in Zukunft wirt­schaftlich mit Fernwärme beheizt werden. Nur die Prognos-​Studie greift das Paradoxon konse­quent auf und geht davon aus, dass die hohen Fixkosten der Wärme­netze nicht in eine Welt mit geringem Wärme­en­er­gie­bedarf passen. Sie prognos­ti­ziert, dass Gebäude bei gerin­geren flächen­be­zo­genen Wärme­dichten im länd­licher Raum und bei Neubau­ge­bieten dezentral und oft über Strom, etwa von Wärme­pumpen, versorgt werden. Im urbanen Umfeld könnte lang­fristig auch durch die meist vorhandene Gasnetz-​Infrastruktur eine Verdrängung bestehender Wärme­netze statt­finden. Die Versorgung könnte dann über EE-​Gas erfolgen. Aller­dings ist hier schon ein Wider­spruch vorpro­gram­miert: Auch Gasnetze werden sich kaum wirt­schaftlich auslasten lassen,wenn dies schon mit Fernwärme nicht gelingt.

Alle anderen Wissen­schaftler drängen ganz nach dem Vorbild Dänemarks darauf, Erneu­erbare in diese Netze zu inte­grieren. Wie dies geschehen könne, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Berech­tigung bei Großabnehmern

Da große Miets- und Büro­häuser sowie Altbauten ihren Wärme­bedarf trotz ener­ge­ti­scher Sanierung lokal nicht emis­si­onsfrei decken können, könnten sie leitungs­ge­bunden mit Wärme aus KWK, etwa auf Basis von Biomasse oder EE-​Gas, Indus­trie­ab­wärme, EE-​Überschussstrom wie Power-​to-​Heat, Solar­thermie und Geothermie versorgt werden. 

Durch die Skalen­ef­fekte bei großen Anlagen wäre die Einbindung erneu­er­barer Wärme­quellen über Wärme­netze deutlich kosten­güns­tiger als auf der Ebene einzelner Gebäude. So sieht das Szenario von DLR, IWES und IfnE insbe­sondere durch den Zubau von Nahwärme aus Solar­thermie und tiefer Geothermie den Fern­wär­me­anteil der Erneu­er­baren Energien am Raumwärme-​Endenergieverbrauch von heute vier Prozent auf 40 Prozent im Jahr 2050 steigen.

Wie es auch sei: Sinnvoll wäre es allemal, die vorhandene Netz­in­fra­struktur zu nutzen. Dänemark zeigt derzeit zumindest im Nahwär­me­be­reich, wie das nicht erst in der Zukunft, sondern schon heute geht.

Vorschaubild: Prozess­wär­me­kessel einer Fern­wär­me­anlage. Foto: BDH

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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