Viessmann reüssierte auf der ISH2017 mit einer virtuellen Show, die auf die Chancen der Digitalisierung für die SHK-Branche verwies. Foto: Urbansky

#ISH2017: Digi­ta­li­sierung ja, aber bitte keinen Standard

von | 28. März 2017

Die Digi­ta­li­sie­rungsluft war auf der ISH 2017 zum Schneiden dick. Jeder Heiz­technik­her­steller hat sich für die Frank­furter Bran­chen­schau das Digi-​Thema auf die Fahnen geschrieben. 

Was auffällt: Ähnliche Technik bedingt ähnliche Lösungen. So ist die Digi­ta­li­sierung nicht nur auf den Heiz­kessel selbst beschränkt, sondern umfasst den ganzen Vermark­tungs­kreislauf – ange­fangen von der Akquise über die konkrete Ange­bots­er­stellung bis hin zur Instal­lation beim Kunden, dessen Anlage dann in Zukunft intel­ligent überwacht werden kann, ohne dass der Hand­werker gleich anrücken muss.

Probleme program­miert

So weit, so gut. Was aber ebenfalls auffällt, ist, dass jeder Hersteller einen eigenen Standard entwi­ckelt. Aus Gründen etwa des Know-​how-​Schutzes mag dies verständlich sein. Da die Lösungen von Viessmann, Buderus oder Vaillant und Co. tatsächlich sehr ähnlich sind, kann es mit dem Know-​how-​Schutz aber wiederum auch nicht so dolle sein. Program­miert sind durch diese verschie­denen Standards aber diverse Probleme für die Zukunft.

Deswegen ein Blick in einen ganz anderen Bereich – der E‑Mobilität. Die hat es – neben vielen anderen Gründen – auch deswegen so schwer, weil für die Ladein­fra­struktur mehre Standards exis­tieren. Zwar wurde in der EU der Meneckes- oder Typ-​2-​Stecker als Lade­standard für Wech­sel­strom fest­gelegt. Dennoch finden sich an vielen Zapf­säulen noch der asia­tische Standard CHAdeMo und andere. Für Wech­sel­strom finden sich 6 Standards inklusive der 230-​Volt-​haushaltssteckdose, die für das Laden in Frage kommen und auch ange­wendet werden. Der Typ-​2-​Stecker ist also noch längst nicht allei­niger Standard. Hinzu kommen noch die Standards beim Schnell­laden wie CCS oder das komplett eigen­ständige System von Tesla.

Gerade beim Wech­sel­strom wurde – ebenso wie jetzt in der Heizungs­in­dustrie – jahrelang von den Auto­her­stellern neben­ein­ander herge­werkelt. Jeder entwi­ckelte fast einen eigenen Standard. Im Endeffekt müsste ein E‑Mobil-​Besitzer einen ganzen Sack voll Adapter mit sich führen, um auch ja sicher an der nächsten Zapfsäule tanken zu können. Und selbst das muss nicht immer funktionieren.

Zwar ist es mit der Haus­technik etwas anders. Die digi­ta­li­sierten Heizungen lassen sich natürlich per SGReady-​Schnittstelle oder auch in einen KNX-​Standard einpassen. Das wiederum zielt jedoch nur auf die Lösung vor Ort, nicht auf eine volks­wirt­schaft­liche Betrach­tungs­weise, die eben auch bei der Ladein­fra­struktur fehlte.

Für VKW wird es schwer

Ein Beispiel: Heute einge­baute Heiz­kessel lassen sich für Power-​to-​Heat ausrüsten. Würden alle auf einem einheit­lichen Standard fußen (übrigens hat Pumpen­spe­zialist auch digi­ta­li­siert und – welch Wunder – der Standard ist mit keinem der Heizungs­her­steller, für die ja Wilo die Pumpen baut, kompa­tibel), kann man diese Heizungen einfacher zur virtu­ellen Kraft­werken (VKW) zusam­men­koppeln.

Das wiederum ermög­licht eine Teilnahme am Regel­en­er­gie­markt (auch wenn der aktuell finan­ziell kaum attraktiv ist) und könnte die Kessel mit über­schüs­sigem Wind- oder PV-​Strom aufheizen. Denn auch ein Trend der ISH 2017 ist: Gas- und Ölkessel bleiben weiterhin dominant im Wärme­markt. Genau für die wäre ein gemein­samer Standard zur Einkopplung Erneu­er­barer Energien wie gemacht. Er würde das Prozedere deutlich vereinfachen.

Sinnvoll wäre es, wenn unter dem Dach des Bran­chen­ver­bandes BDH ein gemein­samer Standard für alle Heizungs­typen in der Digi­ta­li­sierung entwi­ckelt würde. Vorbilder gibt es ja genug, etwa eben die Ladein­fra­struktur, bei der sich die Branche letztlich auch auf einen Stecker­typen geeinigt hat, oder der schon erwähnte KNX-​Standard, der unter Leitung von 9 führenden euro­päi­schen Elektronik-​Unternehmen seit 1999 entwi­ckelt wurde und dem sich inzwi­schen 400 Firmen weltweit ange­schlossen haben.


Meine Energieblogger-​Kollegen haben hier schon ihre Beiträge zur ISH 2017 gepostet:

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

0 Kommentare

EnWiPo
EnWiPo
Wie sich Elek­tro­ly­seure für die Massen­pro­duktion eignen

Wie sich Elek­tro­ly­seure für die Massen­pro­duktion eignen

Ohne Wasserstoff keine Energiewende. Doch nur mittels Elektrolyseuren erzeugter Wasserstoff ist klimaneutral. Deswegen wird diese Technologie massenhaft benötigt. Wie kann sie gefertigt werden? Die Energiewende braucht klimaneutralen, sogenannten grünen Wasserstoff....

Das volle Sonnenbad nehmen

Das volle Sonnenbad nehmen

Das Mieterstromgesetz türmt für Photovoltaik auf und an Gebäuden bisher viele Hürden auf, so dass der aktuelle PV-Boom an den Gebäuden scheinbar vorbeigeht und vor allem Flächenanlagen hilft. Das hat sich mit dem novellierten EEG leicht verbessert. Aktuell diskutiert...

West­afrika: Wasserstoff-​Powerhouse mit drei Haken

West­afrika: Wasserstoff-​Powerhouse mit drei Haken

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek will den Sonnenreichtum Westafrikas nutzen, um Wasserstoff für Deutschland zu produzieren. Das Projekt hat nur Chancen bei einer echten Partnerschaft. Ohne Wasserstoff wird die Energiewende nicht gelingen. "Der Strombedarf...

Der digitale Zwilling macht sich immer mehr unentbehrlich

Der digitale Zwilling macht sich immer mehr unentbehrlich

Die digitale Planungsmethode Building Information Modeling (BIM) hat viele Vorteile, denen lediglich eine Mehrinvestition in der Planungsphase eines Bauwerkes gegenübersteht. Erfordernisse am Bau, rechtliche Rahmenbedingungen und eine Kreislaufwirtschaft, die auch...