Wird der Kohleausstieg vergoldet?

Teile des Kraftwerks Jänschwalde von Vattenfall verbleiben in der unsinnigen Kohlereserve: Foto J.-H. Janßen / Wikimedia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0
Kraftwerk Jänschwalde von Vattenfall: Foto J.-H. Janßen / Wikimedia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0

Die Agora Energiewende, ein poli­tik­na­her ThinkTank, emp­fiehlt einen kon­trol­lier­ten Fahrplan für den Kohleaussteig bis 2040. Wissenschaftler hal­ten einen frü­he­ren Ausstieg zwar für nötig und mög­lich. Ob dies jedoch gelingt, hängt mit meh­re­ren Faktoren wie dem Ausbau der Erneuerbaren und der ent­spre­chen­den Infrastruktur zusam­men. Diese schei­nen der­zeit jedoch gebremst.

Die Agora-Wissenschaftler for­dern, um den Strukturwandel vor allem in der Lausitz und im Rheinland abzu­fe­dern, eine jähr­li­che Transfersumme von 250 Millionen Euro. Orientiert an den bis­he­ri­gen 21.400 Beschäftigten im Braunkohletagebau und den davon betrie­be­nen Kraftwerken würde dies einer Summe von 11.678 Euro je Mitarbeiter jähr­lich ent­spre­chen – für eine struk­tu­relle Anpassungsmaßnahme erscheint dies nicht zu viel.

Zu beden­ken ist jedoch, dass die Kohlekraftwerke auch wei­ter­hin Gewinne erwirt­schaf­ten, auch wenn dies in Deutschland auf­grund des Vorranges der EEG-Einspeisung immer schwie­ri­ger wird. Gestern zum Beispiel betrug der durch­schnitt­li­che Stromhandelspreis 2 Cent je kWh. Ein Braunkohlekraftwerk braucht im Minimum 3,8 Cent je kWh allein zur Erzeugung. Deswegen drängt auch immer mehr Braunkohlestrom in den Export. Allein 2014 waren es 8 %.

Dennoch: Bezogen auf den Verbraucher-Endpreis bleibt bei die­sem Strompreis zumin­dest für die gro­ßen Erzeuger mit eige­nem Kraftwerk und Endkundengeschäft wie RWE oder E.ON (jetzt Uniper) noch eine Vertriebsmarge von gut 7 bis 10 Cent je kWh. Ausgehend von 150 TWh Strom aus Braunkohle macht dies einen theo­re­ti­schen jähr­li­chen Gewinn vor Steuern von maxi­mal 150 Mio. Euro. Das sind 100 Millionen Euro weni­ger als die Summe, mit der die gesamte Kohlewirtschaft bis 2040 sub­ven­tio­niert wer­den soll.

Die Agora Energiewände rech­net jedoch anders. Sie legt die Zahlen des Branchenverbandes DEBRIV zugrunde und sieht bei den bis­he­ri­gen Vereinbarungen zum Kohleausstieg einen jähr­li­chen Verlust von 700 Millionen Euro. Der Zuschuss von 250 Millionen würde dem­nach gerade ein reich­li­ches Drittel die­ser eben­falls theo­re­ti­schen Verluste abde­cken. Also – man macht das halbe Glas ent­we­der ganz voll oder füllt in ein lee­res ein Drittel hin­ein.

Ersteres ist wohl die rea­lis­ti­schere Sichtweise. Dafür hilft auch ein Blick auf wei­tere Agora-Forderungen:

  • Kein Neubau von Stein- und Braunkohlekraftwerken – Geschenkt, das plant der­zeit nie­mand auf­grund der unsi­che­ren zukünf­ti­gen Erlössituation
  • Festlegung eines kos­ten­ef­fi­zi­en­ten Abschaltplans der Bestands-Kohlekraftwerke auf Basis von Restlaufzeiten mit Flexibilitätsoption in den Braunkohlerevieren – das erin­nert erstaun­lich an die Kohlereserve, die auch nur eine Vergoldung für Eigentümer ver­al­te­ter Kraftwerke war
  • Verzicht der natio­na­len Politik auf zusätz­li­che Klimaschutzregelungen für Kohlekraftwerke über den vor­ge­schla­ge­nen Abschaltplan hin­aus – auch schön, also schön wei­ter­ru­ßen
  • Kein Aufschluss wei­te­rer Braunkohletagebaue und Verzicht auf Einleitung neuer Umsiedlungsprozesse – das braucht man nicht anord­nen, davon neh­men Vattenfall (frei­wil­lig) und RWE (teils auf Druck der Bevölkerung) schon frei­wil­lig Abschied
  • Finanzierung der Folgelasten von Braunkohletagebauen über eine Abgabe auf die künf­tig noch geför­derte Braunkohle – das sollte eigent­lich schon der­zeit gere­gelt sein

Damit erin­nern die Agora-Forderungen eher an eine Versilberung alter Kraftwerksparks und Tagebaue. Und das für eine Technologie, die keine Zukunft hat.

Dennoch: Der Strukturwandel sollte in den Braunkohleregionen abge­fe­dert wer­den. Mein Energieblogger-Kollege Kilian Rüfer hat dies hier schön zusam­men­ge­fasst. Doch die Begründung dafür sollte eher im sozia­len Bereich lie­gen und nicht in der Notwendigkeit wei­te­rer Kohleverstromung bis 2040.

 

 

 

 

 

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