Foto: Bernd Schnabel / Vattenfall

Carbon Bubbles – was ist dran

von | 17. März 2016

Die Ankün­digung der Allianz, in Zukunft nicht mehr in Geschäfte mit Braun­kohle zu inves­tieren, schaffte es bis in die Tages­themen. Der Versi­che­rungs­konzern scheint damit einen Nerv getroffen zu haben. Der Rockefeller-​Clan zieht sich gar aus dem Geschäft mit allen Fossilen, auch Öl, zurück – obwohl er einst dadurch reich wurde. Gerade dieses Beispiel beweist, dass von diesem Disin­vestment auch die Mine­ral­öl­branche betroffen sein kann. Doch was droht schlimmstenfalls?

Vorerst scheint vor allem die Braun­koh­le­wirt­schaft betroffen. Der Ausstieg von Norwegens Staatsfond aus der kohle­ver­stromenden RWE passt ebenso ins Bild wie die Pläne Vatten­falls, seine ostdeutsche Braun­koh­len­s­parte abzu­stoßen. Und auch die Bundes­re­gierung gießt noch Öl ins Feuer, mahnt sie doch Banken zur Vorsicht bei Inves­ti­tionen in Unter­nehmen der fossilen Ener­gie­wirt­schaft, die unter den Folgen poli­ti­scher Entschei­dungen leiden könnten. Sprich: Erst zündeln und dann warnen.

Immerhin schränkt die Regierung ein, dass eine plötz­liche Börsen­kor­rektur von über­be­wer­teten Öl- und Ener­gie­kon­zernen die Finanz­märkte nicht gefährden müssten. Genau diese Finanz­märkte sorgen für Liqui­didät eben auch in der Ener­gie­wirt­schaft, der fossilen wie der erneu­er­baren – auch wenn letztere sich zusätzlich noch über einige Subven­tionen freuen darf.

Klima­schutz? Nimmt man mit.

Der Grund für Allianz und Co. ist ein ganz einfacher: Er liegt nicht etwa im Klima­schutz, auch wenn man das gern so verkauft, sondern in den so genannten Carbon Bubbles. Damit werden in der Finanzwelt Kohlen- und Kohlen­was­ser­stoff­la­ger­stätten bezeichnet, deren Abbau geplant ist und die als Firmen­werte einge­bucht sind, jedoch wohl nicht mehr genutzt werden können.

Als Beispiel kann der Braun­kohel­ta­gebau Nochten II von Vattenfall dienen, auch wenn dessen Firmen­an­teile nicht an der Börse gehandelt werden. (Eine Analyse zum derzeit von Vattenfall ange­strebten Verkauf der Kohle­sparte hat mein Energieblogger-​Kollege Thorsten Zoerner hier in seinem Blog Strom­haltig verfasst.) Hier liegen 300 Millionen Tonnen Braun­kohle, deren Abbau zwar bereits genehmigt wurde, der jedoch keineswegs gewiss ist. Zu groß ist der Protest in der Lausitz, so dass auch Politiker aller Parteien den Abbau in Frage stellen. Der Wert der dort lagernden Braun­kohle, geschätzte drei Milli­arden Euro, müsste dann in der Firmen­bilanz bis auf Null gesetzt und entspre­chend abge­schrieben werden. Ähnliches erlebte RWE mit der politisch gewollten Verklei­nerung des Tagebaus Garz­weiler II, die ein Minus von 400 Millionen Tonnen Braun­kohle oder etwa vier Milli­arden Euro bedeutete.

Reine Invest­ments verlieren an Wert

Für Anleger wie die Allianz ist dies ein tatsäch­liches finan­zi­elles Risiko, weil ihr Investment dadurch an Wert verliert. Wie das ausgehen kann, zeigt ein Blick über den Atlantik. Der Akti­enkurs des größten US-​Braunkohleförderers Peabody rutschte seit 2011 von 1091 US-​Dollar auf 12 Dollar derzeit. Das entspricht einem sagen­haften Verlust von 99 Prozent. Aktuell mach das Gerücht von seiner Insolvenz die Runde.

Der Londoner ThinkTank Carbon Tracker Initiative schätzt, dass bis 2025 rund 2 Billionen US-​Dollar an Unter­neh­mens­werten verloren gehen könnten – gerechnet bei einem 2‑Grad-​Ziel der Welt­kli­ma­kon­ferenz in Paris. Dort wurden sogar 1,5 Grad maximale Erder­wärmung bis zum Jahr 2100 ange­strebt. Das dürfte die Lage zusätzlich verschärfen. Immerhin – eine extreme Dekar­bo­ni­sie­rungs­stra­tegie beschlossen die Dele­gierten dort nicht.


Geschrieben für Brenn­stoff­spiegel. Der voll­ständige Beitrag ist nur in der Ausgabe 03/​2016 zu lesen. Zum kosten­freien Probeabo geht es hier.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

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