Solarthermieanwendung in einer Hamburger Wohnsiedlung. Foto: Wagner Solar

Was bedeutet der Klima­schutzplan für den Wärmemarkt

von | 16. Dezember 2016

In der Unter­richtung der Bundes­re­gierung an der Bundestag zum heftig umstrit­tenen Klima­schutzplan wurden die Ziele und Maßnahmen fest­ge­zurrt, die den Weg in einen nahezu klima­neu­tralen Gebäu­de­be­stand im Jahr 2050 ebnen sollen. Zwänge wie bei unseren Nachbarn in der Schweiz oder in Dänemark soll es dabei kaum geben. Statt dessen wird auf einen „Instru­men­tenmix aus Forschung und Inno­vation, Infor­mieren und Beraten, Fördern und Fordern“ gesetzt. Ob das was bringt, bleibt zwei­felhaft. Ähnliches gab es bisher auch schon, verstärkt sogar in diesem Jahr mit MAP und APEE.

Wirt­schaft­lichkeit bleibt Kriterium

Eine der Kern­aus­sagen: „Die Wirt­schaft­lichkeit der Maßnahmen und die Bezahl­barkeit des Bauens- und Wohnens sind zu berück­sich­tigen.“ Damit ließ sich bisher schon viel vermeiden, wird aber, wenn man es positiv sehen will, tatsächlich dazu führen, soziale Härten zu vermeiden. Klar ist der Bundes­re­gierung aber auch, dass eine Abkehr von fossilen Heizungs­sys­temen unaus­weichlich ist. Dazu wird die Einführung einer Nutzungs­pflicht erneu­er­barer Energien geprüft und könnte eventuell beim Abgleich von EnEV und EEWärmeG im kommenden Jahr Realität werden. Jeden­falls war das eine der Aussagen der noch amtie­renden Koalition. Ein erstes Zeichen ist der Stopp der Austausch­för­derung fossiler Heizungen ab 2020.

Nun zum Fahrplan bis 2050 en Detail (Auszüge aus dem Original-Bericht):

  • Für Neubauten wird der ab 2021 geltende Nied­rigst­ener­gie­ge­bäu­de­standard schritt­weise weiter­ent­wi­ckelt, um mittel­fristig einen Neubau­standard zu erreichen, der nahezu klima­neutral ist. Bis 2030 soll der ener­ge­tische Standard schritt­weise auf einen Wert deutlich unterhalb des heute geför­derten „Effi­zi­enzhaus 55“-Standards fallen.
  • Eine Neuin­stal­lation von Heiz­sys­temen, die erneu­erbare Energien effizient nutzen, wird dann im Vergleich zu Heiz­sys­temen mit fossilen Brenn­stoffen deutlich attrak­tiver sein.
  • Zur Unter­stützung des Ziels sollen künftig auch geeignete Anreize zur Nutzung und Errichtung von Gebäuden geprüft werden, die mehr Energie erzeugen, als für den Betrieb erfor­derlich ist. Hierzu wurden mit dem Effi­zi­enzhaus Plus Standard, dem Sonnen­haus­konzept oder ersten Pilot­vor­haben zur Einspeisung solar­ther­misch erzeugter Energien in Wärme­netze tech­no­lo­gie­offene Ansätze entwickelt.
  • Die Bundes­re­gierung wird für den Gebäu­de­be­stand zeitnah auf der Basis des Ener­gie­ein­spar­rechts eine Syste­matik entwi­ckeln, die Gebäu­de­ei­gen­tümern eine ener­ge­tische Einordnung des jewei­ligen Gebäudes nach Klassen ermöglicht.
  • Indi­vi­duelle frei­willige Sanie­rungs­fahr­pläne, die bereits in der ESG verankert sind und zeitnah einge­führt werden, werden den Sanie­rungs­bedarf hin zu einem nahezu klima­neu­tralen Gebäude aufzeigen.
  • Gemeinsam mit den für den Vollzug des geltenden Rechts zustän­digen Ländern sollen Möglich­keiten zur weiteren Stärkung des Vollzugs geprüft werden.
  • Die Dekar­bo­ni­sierung im Gebäu­de­be­reich bedeutet auch die schritt­weise Umstellung auf erneu­erbare Energien zur Wärme‑, Kälte- und Stromversorgung.

Sektor­kopplung und Wärme­ver­sorgung im Quartier

Zukünftig wird auch die Vernetzung von Gebäuden mit dem Verkehrs- oder Indus­trie­sektor sowie der Ener­gie­wirt­schaft immer mehr an Bedeutung gewinnen.

  • Die Bundes­re­gierung wird zur Unter­stützung der notwen­digen Dekar­bo­ni­sierung der Ener­gie­ver­sorgung die Erfor­schung, Entwicklung und Markt­ein­führung von kosten­güns­tigen und inno­va­tiven Tech­no­logien voran­treiben, die eine System­um­stellung hin zur emis­si­ons­armen Wärme­be­reit­stellung ermöglichen.
  • Hierzu gehören beispiels­weise Nieder­tem­pe­ra­tur­systeme, die mit erneu­er­baren Ener­gie­quellen kombi­niert werden, system­dienliche Spei­cher­kon­zepte oder Verfahren zur Produktion, Verteilung und Nutzung nach­hal­tiger Brenn­stoffe auf der Grundlage von Power-​to-​Gas oder Power-​to-​Liquid Technologien.
  • Um die verstärkte Inte­gration erneu­er­barer Energien im Gebäu­de­be­reich anzu­reizen, gilt es bestehende Hemmnisse, z. B. für Wohnungs- und Immo­bi­li­en­un­ter­nehmen, Wohnungs­bau­ge­nos­sen­schaften oder Gebäu­de­ei­gen­tümer zu besei­tigen. Das wird die Bundes­re­gierung auch weiterhin im Blick haben.
  • Zudem sollen Muster­quar­tiere gestärkt und evaluiert werden, in denen neue Formen der Vernetzung und Sektor­kopplung erprobt werden, wie z. B. die intel­li­genter Steuerung der Haustechnik.

Über das wach­sende Angebot an Heizstrom für Wärme­pumpen, die ein ideales Beispiel für die Sektor­kopplung ist, infor­miert Energieblogger-​Kollege Björn Katz hier auf sei­nem Blog Strom­aus­kunft.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

0 Kommentare

EnWiPo
EnWiPo
Fluss­wärme als weiterer Baustein für die Energiewende

Fluss­wärme als weiterer Baustein für die Energiewende

Die Umgebungswärme von Fließgewässern wird hierzulande noch kaum genutzt. Eine Studie hat nun allein für Bayern erstaunliche Potenziale aufgedeckt. Eine Nutzung der Wärme hätte auch einen positiven ökologischen Effekt durch die Abkühlung der Flüsse. In Bayern könnten...

Leipziger Gruppe mit Rekordergebnis

Leipziger Gruppe mit Rekordergebnis

Mit 344 Millionen Euro wurde ein Rekordergebnis vor Steuern erzielt, so viel wie noch nie und rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Grund dafür war vor allem das gute Energiegeschäft, insbesondere im Stromgroßhandel. Der Konzernumsatz stieg im abgelaufenen...

„Heizungs­in­ves­tition – kümmert euch jetzt!”

Heizungs­in­ves­tition – kümmert euch jetzt!”

Interview mit Sebastian Herkel, Fraunhofer ISE, Abteilungsleiter energieeffiziente Gebäude. Immobilienwirtschaft: Wie sehen Sie das aktuelle Regelwerk in Bezug auf mehr Effizienz in Immobilien? Sebastian Herkel: Letztes Jahr haben wir ein ziemlich komplexes Regelwerk...

SF6 wird als Isoliergas Schritt für Schritt abgeschafft

SF6 wird als Isoliergas Schritt für Schritt abgeschafft

Schwefelhexafluorid hat als Isoliergas viele Vorteile, aber einen entscheidenden Nachteil: sein sehr hohes Treibhausgaspotenzial. Deshalb soll es schrittweise aus dem Verkehr gezogen werden. Erste Unternehmen setzen dies bereits um. Schwefelhexafluorid (SF6) ist ein...